Frauen, Ernährung, Körpergewicht und ADHS

Lebenslanges, leises Leiden?



Anmerkung: dieser Artikel dient zur allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche, individuelle Therapie. Wenn du den Verdacht hast, an ADHS zu leiden: hol dir unbedingt Unterstützung von qualifizierten Fachpersonen. In Österreich:

Diagnose und Therapie: Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, klinische Psycholog*innen

Ernährungstherapie: Diätolog*innen


Der Gender Health Gap

Bevor wir in die Materie eintauchen, ist es unumgänglich, über den „Gender Health Gap“ – also die Geschlechter-Lücke im Gesundheitssystem – zu sprechen. Männer gelten im medizinischen Bereich als Norm, was unglaublich viele medizinische und therapeutische Nachteile für Frauen* hat. So wichtig die Gleichbehandlung von Frauen*, Männern* und nicht binären Personen ist (= Personen, die sich keinem oder beiden Geschlechtern zuordnen), so unumgänglich ist die Differenzierung auf medizinisch-therapeutischer Ebene.


In den gelesenen Studien wurden genderqueere Personen nicht erfasst. Die Unsichtbarkeit und Diskriminierung von genderqueeren Personen in Alltag und Forschung, sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheit wird in einem gesonderten Artikel bearbeitet.


Frauen und Männer unterscheiden sich beispielsweise sehr stark im Hormonhaushalt und in der Körperzusammensetzung. Dass Frauen größeren hormonellen Schwankungen unterliegen, macht die Forschung wesentlich schwieriger und damit auch teurer. In Anbetracht unserer Welt, in der es immer ums Geld geht und vor allem Männer Entscheidungsträger sind, brauche ich wahrscheinlich nicht ins Detail erklären, wie sich diese Problematik auswirkt: Data-Gap – weniger Forschung und weniger Daten zu Frauen*. Vielleicht ein zeitgenössisches Beispiel: AstraZeneca und die Thrombosefälle.


Frauen mit ADHS

Zurück zum Thema. Die männliche Perspektive wirkt sich ebenfalls sehr stark in der Diagnostik bestimmter Krankheiten aus. Bei ADHS (neurobiologische Störung) denkt mensch wahrscheinlich zuerst an den unangepassten, impulsiven Zappelphilipp aus der Kinderbuchgeschichte Struwwelpeter. Ein auffälliger Junge also, der sich lautstark Autoritäten widersetzt, dessen zugeschriebene Aufmerksamkeit der eines Goldfisches gleicht und dessen Umfeld durch seine Hyperaktivität in Mitleidenschaft gezogen wird.


ADHS kann bei Frauen aber ganz anders aussehen

ADHS kann bei Frauen aber ganz anders aussehen: soziale Kompromisse und Anpassung, denen Frauen gesellschaftlich viel mehr unterliegen, führen unter anderem dazu, dass sich ADHS-Symptome nicht nur nach außen, sondern oftmals nach innen richten. Patricia Quinn (National Center for Gender Issues and ADHD) schreibt in ihrem Paper:


„Die unzureichende Erkennung von ADHS bei Frauen kann zum Teil dadurch erklärt werden, dass ihre Symptome wie Vergesslichkeit, Desorganisation, geringes Selbstwertgefühl, Angst und demoralisches Verhalten deutlich weniger offenkundig sind, als die typischerweise bei Männern beobachteten störenden Verhaltensweisen. Darüber hinaus manifestiert sich Hyperaktivität bei Frauen eher als Hypergesprächigkeit oder emotionale Reaktivität. (...) Mädchen verinnerlichen eher Symptome, werden ängstlich, depressiv und ziehen sich sozial zurück. (Quinn, 2005)

Quinn schreibt, dass die definierte Therapie von ADHS bei Frauen ebenfalls sehr kritisch zu betrachten ist und in vielen Fällen keine oder wenig Besserung der Symptomatik bringt. Das vor allem, weil die Behandlungsempfehlungen für Jungen im Grundschulalter ausgelegt und damit für erwachsene Frauen nicht unmittelbar wirksam sind. Bei der medikamentösen Therapie sollte unbedingt der weibliche Zyklus beachtet werden, da Östrogen und Progesteron die Wirksamkeit beeinflussen. (Quinn, 2005)


Begleiterscheinungen

Weiter zitiert sie Biedermann et al, 1999, der beschreibt, dass mit ADHS meistens eine psychische Begleiterkrankung einhergeht, die in erster Linie - ohne ADHS - diagnostiziert wird. Zum Beispiel Zwangsstörungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Depressionen und Angststörungen.


Ziobrowski et al, 2017 beschreiben, dass sie einen starken und signifikanten Zusammenhang zwischen ADHS und Essstörungen (Bulimia Nervosa, Binge-Eating-Disorders und unklassifizierte Essstörungen) gefunden haben. Zwischen ADHS und Anorexia Nervosa konnte kein Zusammenhang festgestellt werden. Die ADHS-Symptomatik steht also mit gestörtem Essverhalten, binge-eating und bulimischen Episoden in Verbindung. (Ziobrowski et al., 2018)


Und genau hier komme ich als Diätologin und Ernährungstherapeutin, spezialisiert auf Ernährung und Psyche, ins Spiel.


Ernährung, Körpergewicht und ADHS

In einer kleinen Studie mit 155 mehrgewichtigen Frauen mit binge-eating und Bulimie-Symptomen wurden bei 28,3% ADHS festgestellt. (Nazar et al., 2016)

Eine größere Metaanalyse beschreibt, dass es einen starken, signifikanten Zusammenhang zwischen ADHS und Mehrgewicht gibt. Zusätzlich gibt es immer mehr Hinweise aus Langzeitstudien, die eine Ursachen-Wirkung (ADHS als Ursache für Mehrgewicht) beschreiben (Cortese & Tessari, 2017).


5 Gründe, warum es bei Frauen mit ADHS zu überessen / binge-eating kommen kann:


1. Stimulierung: Lebensmittel haben eine natürliche neurobiologische Wirkung und sind durch permanente Verfügbarkeit eine naheliegende Stimulierungsmöglichkeit. Vor allem sind Kohlenhydrate eine einfache Option für Dopaminausschüttung im Hirn.


2. Diätkultur – Verbote: Da ADHS bei Frauen mit Mehrgewicht, gestörtem Essverhalten und Essstörungen verbunden ist, wird oftmals versucht, bestimmte Lebensmittelgruppen wie z.B. Kohlenhydrate/Zucker/Fett zu vermeiden. Regeln und Verbote führen zu einem psychologischen Überessens-Trigger, denn genau das hat dann für uns Menschen eine besondere Anziehungskraft. Die Spannung wird mit einer ungewollten Lebensmittel-Orgie abgebaut und das Unterbewusstsein nützt diese seltene Gelegenheit aus.


3. Lange Essenspausen: das Leben mit ADHS kann ganz schön chaotisch sein. Oft gibt es eine gewisse Tendenz, die Zeit aus den Augen zu verlieren. Höfliche Hungersignale werden durch Ablenkung oder Hyperfokus oft schlecht wahrgenommen oder so lange ignoriert, bis ein Urhungerzustand wie aus dem Nichts auftritt, wo JETZT SOFORT gegessen werden muss. Extremer Hunger führt zu sehr hastigem, schnellen essen und ist gefolgt von extremer Sättigung.


4. Frühstück: Der gerade beschriebene chaotische Essenstil ist oft geprägt von Nahrungskarenz in der ersten Tageshälfte und Überessen in der zweiten. Was noch hinzukommt ist die gesundheitsschädigende Diätkultur, die das Auslassen von Mahlzeiten (=gestörtes Essverhalten) rechtfertigt, sowie das weiter oben beschriebene Thema mit ADHS und Substanzmissbrauch. Coffein (Kaffee), Nikotin (Zigaretten) und Taurin (Energy-Drink) sind kurzfristige Appetitzügler und geben vor, den Körper mit Energie zu versorgen. In der zweiten Tageshälfte wird die Energie mit Lebensmitteln nachgeholt. Mit einer größeren Essensemenge wird unbewusst für die Nahrungskarenz am nächsten Morgen/Vormittag vorgesorgt.


5. Abgelenktes Essen: der Reiz einer zusätzlichen Stimulierung neben dem Essen ist sehr groß. Auch wenn der Eindruck der Multitasking-Fähigkeit entsteht, kann sich unser Hirn immer nur auf eine Sache konzentrieren. Das abgelenkte Essen neben Smartphone-Nutzung, Fernsehen, Lesen und co. unterbricht die Verbindung zu Hunger und Sättigung. Meistens wird das Sättigungsgefühl erst in hoher, fast unangenehmer Intensität wahrgenommen.


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Teil 2 dieses Artikels wird in den nächsten Wochen veröffentlicht und gibt genauere Einblicke in die Intuitive Ernährung bei Frauen mit ADHS.




Quellen:

Cortese, S., & Tessari, L. (2017). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) and Obesity: Update 2016. Current Psychiatry Reports, 19(1), 4. https://doi.org/10.1007/s11920-017-0754-1


Nazar, B. P., de Sousa Pinna, C. M., Suwwan, R., Duchesne, M., Freitas, S. R., Sergeant, J., & Mattos, P. (2016). ADHD Rate in Obese Women With Binge Eating and Bulimic Behaviors From a Weight-Loss Clinic. Journal of Attention Disorders, 20(7), 610–616. https://doi.org/10.1177/1087054712455503


Quinn, P. O. (2005). Treating adolescent girls and women with ADHD: Gender-Specific issues. Journal of Clinical Psychology, 61(5), 579–587. https://doi.org/10.1002/jclp.20121


Ziobrowski, H., Brewerton, T. D., & Duncan, A. E. (2018). Associations between ADHD and eating disorders in relation to comorbid psychiatric disorders in a nationally representative sample. Psychiatry Research, 260, 53–59. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2017.11.026

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