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Körpergewicht und Fruchtbarkeit: Zwischen Kinderwunsch und Fatshaming

Foto: Amr Taha / Unsplash


Ein unerfüllter Kinderwunsch kann psychisch sehr belastend sein. Die Familienplanung ist für viele Menschen eine sensible Lebensphase – insbesondere für jene, die sich ohnehin viele Gedanken über ihren Körper und ihre Gesundheit machen. Und genau das betrifft zahlreiche, wenn nicht sogar die meisten Menschen mit höherem Körpergewicht.

Die Diätkultur setzt schließlich alles daran, uns glauben zu lassen, dass Körpergewicht und Gesundheit untrennbar miteinander verbunden sind. Dabei wissen wir längst, dass dieser gewichtszentrierte Blick alles andere als gesundheitsförderlich ist, sondern häufig sogar das Gegenteil bewirkt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal die Erinnerung: Eine Gewichtsabnahme bedeutet nicht automatisch mehr Gesundheit.


Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um mögliche Einflussfaktoren von Körpergewicht auf Fruchtbarkeit und Schwangerschaft. Bitte lies den Beitrag nur, wenn du dich psychisch stabil genug fühlst oder bitte eine Person in deinem Umfeld, den Beitrag vorab für dich zu lesen.


Fettphobie im Kinderwunschzentrum?


Kinderwunschzentren sollten Menschen mit Kinderwunsch daher besonders achtsam begleiten. Umso kritischer sehe ich Aussagen wie jene, die ich auf der Website eines solchen Instituts gelesen habe: „Sowohl Übergewicht als auch Untergewicht reduzieren die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft.“ Gemessen wird dieses Gewicht – wenig überraschend – anhand des BMIs (Body-Mass-Index).


Wenn ihr meine Blogartikel oder Beiträge schon länger verfolgt, wisst ihr, dass diese Einordnung sehr begrenzt etwas darüber aussagt, wie gesund ein Mensch tatsächlich ist. Solche Botschaften, die wie eine wissenschaftlich fundierte Aussage daherkommen, können schnell Schuldgefühle auslösen. Kreisende Gedanken rund ums Essen oder ein gestörtes Essverhalten können dadurch zusätzlich verstärkt werden.


Wie beeinflusst Übergewicht die Fruchtbarkeit?


Das Körpergewicht wird im Zusammenhang mit einem unerfüllten Kinderwunsch immer wieder als wichtiger Faktor genannt. In diesem Blogartikel möchte ich deshalb einen Blick auf die Studienlage werfen. Vorab möchte ich euch die Podcastfolge von Antonie Post empfehlen. In ihrer Folge von „Iss doch, was du willst“ zum Thema Kinderwunsch klärt die Ernährungswissenschaftlerin einen wichtigen Punkt: Zwar gibt es zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang zwischen höherem Körpergewicht beziehungsweise Adipositas und einer geringeren Fruchtbarkeit oder Schwangerschaftskomplikationen zeigen, die Ergebnisse sind jedoch keineswegs eindeutig und zum Teil widersprüchlich.

Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn ein statistischer Zusammenhang (Korrelation) bedeutet nicht automatisch, dass das eine die Ursache des anderen ist (Kausalität). Doch was bedeutet das konkret?


Studienlage zu Körpergewicht und Fruchtbarkeit


Antonie Post fasst die Studienlage im Podcast sehr anschaulich zusammen: Ein höheres Körpergewicht wird mit einem erhöhten Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung), Thrombosen, Fehlgeburten, Fehlbildungen beim Kind, Plazentainsuffizienz und Geburtskomplikationen in Verbindung gebracht.


Was dabei jedoch oft übersehen wird: All diese Komplikationen treten auch bei Menschen mit weniger Körpergewicht auf. Entscheidend ist daher die Frage, welche weiteren Faktoren mit einem höheren Körpergewicht zusammenhängen und welchen Einfluss diese tatsächlich haben. Genau hier kommt die bereits angesprochene Unterscheidung zwischen Korrelation und Kausalität ins Spiel. So heißt es in einer Überblicksstudie aus dem Jahr 2023: „Trotz des seit Langem bekannten Zusammenhangs zwischen Adipositas und Unfruchtbarkeit bestehen weiterhin Unsicherheiten hinsichtlich der genauen Mechanismen, die diesem Zusammenhang zugrunde liegen.“ (Ennab, Atiomo 2023)


Lebendgeburtenrate: Einfluss von Übergewicht oder Adipositas


Die Autoren der Überblicksstudie gehen auch auf die Lebendgeburtenrate ein: „Wir stellten fest, dass etwas mehr als die Hälfte der Studien, die den Zusammenhang zwischen dem mütterlichen Gewicht vor der Empfängnis und der Lebendgeburtenrate untersuchten, eine inverse Korrelation feststellten.“ Mit anderen Worten: In diesen Studien zeigte sich ein Zusammenhang zwischen höherem Körpergewicht und einer niedrigeren Lebendgeburtenrate. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Körpergewicht die Ursache dafür ist. Ebenso könnten andere Faktoren eine Rolle spielen.

Besonders interessant ist auch die folgende Aussage: „Es gab jedoch keine ausreichenden Belege dafür, dass Lebensstiländerungen oder pharmakologische Interventionen vor der Empfängnis bei adipösen Frauen mit Unfruchtbarkeit zu einer Verbesserung der Lebendgeburtenrate führten.“ (Farah Ennab, William Atiomo, 2023)


Eine weitere Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte ebenfalls den Einfluss von Maßnahmen zur Gewichtsreduktion auf die Fruchtbarkeit und Lebendgeburtenrate. Dabei zeigte sich, dass Frauen, die vor der Empfängnis entsprechende Maßnahmen umsetzten, eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, schwanger zu werden als Frauen in den Kontrollgruppen. (Caldwell et al., 2024)


Allerdings war kein Vorteil hinsichtlich der Lebendgeburtenrate oder der Fehlgeburtenrate ersichtlich. Vereinfacht gesagt: Es kam häufiger zu Schwangerschaften, die entscheidenden Endpunkte verbesserten sich jedoch nicht. Entsprechend zurückhaltend formulieren die Autor:innen ihre Schlussfolgerung: „Die Ergebnisse sprechen nicht für eine pauschale Empfehlung zur Gewichtsreduktion durch Lebensstiländerungen.“


Studienlage differenziert betrachten

 

Bei der Interpretation solcher Studien lohnt es sich außerdem, die Wahrscheinlichkeiten anhand der Prozentzahlen genauer anzusehen. Ein Beispiel: Eine um 24 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, schneller schwanger zu werden, ist bei genauer Betrachtung gar nicht so hoch, wie sie zunächst klingt.


Oder: „Bei Menschen mit höherem Körpergewicht (BMI < 35) ist die Wahrscheinlichkeit höher, eine Schwangerschaftsdiabetes zu entwickeln“ klingt ganz anders als „9,5 Prozent entwickelten eine Schwangerschaftsdiabetes“. Denn das bedeutet noch immer: Die meisten Menschen entwickeln KEINE Schwangerschaftsdiabetes. Diese Zahl stammt übrigens tatsächlich aus einer Studie aus dem Jahr 2004 mit 16.000 Teilnehmerinnen, die Antonie Post erwähnt hat. (Weiss et al. 2004)


Für die Einordnung von Studien ist außerdem der Unterschied zwischen absolutem und relativem Risiko wichtig. Das absolute Risiko zeigt hier beispielsweise, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind: Bei Frauen mit einem BMI über 35 entwickelte nur 1 von 10 Personen eine Schwangerschaftsdiabetes. Das relative Risiko vergleicht hingegen Gruppen miteinander. Das Risiko für Frauen mit einem BMI unter 30, eine Schwangerschaftsdiabetes zu entwickeln, lag bei 2,3 Prozent. Die Schlussfolgerung: Das Risiko bei Menschen mit höherem Körpergewicht ist ums vierfache höher – in anderen Worten um mehr als 300 Prozent erhöht. Das klingt dann deutlich dramatischer als die absoluten Zahlen.

 

Wissenschaftlicher Fokus auf Körpergewicht, statt Gesundheit

 

Ergebnisse sind oft widersprüchlich und unterscheiden zum Beispiel nicht zwischen einer reinen Gewichtsabnahme und möglichen begleitenden Einflussfaktoren (Best, Avenell, Bhattacharya 2017) Das betont auch Antonie Post im Podcast immer wieder: „Es ist gar nicht so klar, wie viel Einfluss das Körpergewicht auf die Fruchtbarkeit hat. Trotzdem wird an jeder erdenklichen Stelle eine Gewichtsabnahme gefordert“. Viele Menschen, die sich bewusst für eine Gewichtsreduktion entscheiden, essen plötzlich andere Lebensmittel, ernähren sich vielleicht vielseitiger, bewegen sich eventuell mehr oder verzichten möglicherweise auch auf Alkohol. Dieser differenzierte Blick auf die Lebensstilveränderungen fehlt in diesen Untersuchungen häufig. Schnell wird deutlich, dass der Fokus auf dem Körpergewicht liegt und nicht auf der Gesundheit selbst.

 

Auch die Studienlage zu den Erfolgsaussichten von IVF-Behandlungen bei mehrgewichtigen Personen ist mehr als dürftig (Antonie Post hat in den Shownotes dazu viele Studien aufgelistet). Und dennoch wird der BMI in vielen Kinderwunschzentren stark in den Vordergrund gestellt.

 

Fruchtbarkeit und der Einfluss von Untergewicht

 

Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass auch Untergewicht die Fruchtbarkeit beeinflussen kann. So erklärt Prof. Brigitte Leeners, Direktorin für Reproduktionsendokrinologie am Universitätsspital Zürich, in einem Interview: „Untergewicht oder eine ungünstige Energiebilanz, etwa durch übermäßigen Sport bei gleichzeitig zu geringer Kalorienaufnahme, kann dazu führen, dass der Zyklus ausbleibt.“ Auch wissenschaftlich sind Zyklusstörungen bei Sportler:innen immer wieder gut belegt (Huhmann, 2020).

 

Unsere Fettmasse steht mit den Sexualhormonen in Wechselwirkung. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Mehr- oder Untergewicht automatisch zu gesundheitlichen Problemen oder Fruchtbarkeitsstörungen führt – auch wenn dies häufig so dargestellt wird. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass jeder Mensch eine individuelle Fettspeichergrenze besitzt, die sich nicht allein durch den BMI erfassen lässt (mehr dazu erfährst du in meinem Reel auf Instagram). Statt Menschen auf ihr Gewicht zu reduzieren, sollten wir sie stärker als Individuen betrachten und uns von stigmatisierenden Vorstellungen lösen. In diesem Zusammenhang wird auch der Einfluss von „Weight Bias“ – also der Benachteiligung und Vorverurteilung aufgrund des Körpergewichts – zunehmend wichtig.

 

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann viele Ursachen haben: das Hormonsystem ist komplex, auch Umweltfaktoren und Stress spielen eine Rolle. Wie die Reproduktionsmedizinerin im Interview betont, liege etwa ein Drittel der Ursachen ausschließlich bei der Frau, ein weiteres Drittel beim Mann. Das verbleibende Drittel betreffe beide.

 

Mehr Wertschätzung für den eigenen Körper

 

Wenn du in einem Kinderwunschzentrum oder bei Gynäkolog:innen immer wieder auf dein Körpergewicht angesprochen wirst, kannst du darum bitten, den Fokus davon wegzulenken. Du bist nicht dazu verpflichtet, dein Körpergewicht anzugeben und darfst klare Grenzen setzen. Betone, dass du über alle medizinischen Abläufe und mögliche Risiken aufgeklärt werden möchtest, ohne dass eine Gewichtsreduktion als Lösung vorgeschlagen wird.

 

Wenn du dir dazu mehr Unterstützung wünschst oder das Gefühl hast, tiefer in diese Themen eintauchen zu wollen, kannst du gerne einen Termin für ein kostenloses Erstgespräch mit mir vereinbaren (hier kannst du dich anmelden). Ich freue mich, dich dabei zu begleiten, die Perspektive zu wechseln – weg vom Körpergewicht, hin zu mehr Wohlbefinden. Vergiss nicht: Du hast es verdient, glücklich und entspannt zu sein – ohne, dass dein Gewicht ständig im Mittelpunkt steht. Mit oder ohne Kinderwunsch.


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Quellen:

 

Ennab F, Atiomo W. Obesity and female infertility. Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol. 2023 Jul;89:102336. doi: 10.1016/j.bpobgyn.2023.102336. Epub 2023 Apr 8. PMID: 37279630.

 

Caldwell AE, Gorczyca AM, Bradford AP, Nicklas JM, Montgomery RN, Smyth H, Pretzel S, Nguyen T, DeSanto K, Ernstrom C, Santoro N. Effectiveness of preconception weight loss interventions on fertility in women: a systematic review and meta-analysis. Fertil Steril. 2024 Aug;122(2):326-340. doi: 10.1016/j.fertnstert.2024.02.038. Epub 2024 Feb 24. PMID: 38408693; PMCID: PMC11384273.

 

Huhmann K. Menses Requires Energy: A Review of How Disordered Eating, Excessive Exercise, and High Stress Lead to Menstrual Irregularities. Clin Ther. 2020 Mar;42(3):401-407. doi: 10.1016/j.clinthera.2020.01.016. Epub 2020 Mar 2. PMID: 32139174.

 

Studie, von Antonie Post zitiert: Best D, Avenell A, Bhattacharya S. How effective are weight-loss interventions for improving fertility in women and men who are overweight or obese? A systematic review and meta-analysis of the evidence. Hum Reprod Update. 2017 Nov 1;23(6):681-705. doi: 10.1093/humupd/dmx027. PMID: 28961722.

 

Weiss JL, Malone FD, Emig D, Ball RH, Nyberg DA, Comstock CH, Saade G, Eddleman K, Carter SM, Craigo SD, Carr SR, D'Alton ME; FASTER Research Consortium. Obesity, obstetric complications and cesarean delivery rate--a population-based screening study. Am J Obstet Gynecol. 2004 Apr;190(4):1091-7. doi: 10.1016/j.ajog.2003.09.058. PMID: 15118648.

 

 


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