Magenbypass: darum macht er dich vielleicht gar nicht für immer gesund und schlank



Bevor ich anfange, möchte ich Folgendes klären: ich bin mir sicher, dass viele Ärzt*innen, Pflegepersonal, Psycholog*innen und Diätolog*innen, die in den Prozess der bariatrischen Chirurgie involviert sind, nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Die Krux ist, dass Wissenschaft leider oft von allgemeinen Glaubenssätzen und Weltbildern geprägt und daher nicht immer wertfrei und unabhängig ist. Das Gesundheitspersonal wird in einer wissenschaftlichen Perspektive voller Weight Bias erzogen - ich möchte hier mit einem tieferen Einblick in die Problematik inspirieren, nicht verurteilen. Weight Bias = negative Einstellungen, Überzeugungen, Urteile, Stereotypen und diskriminierende Handlungen, nur aufgrund des Körpergewichtes.


Dieser Artikel behandelt den Magenbypass aus der Perspektive von Health At Every Size® – einem gewichtsneutralen Ansatz, der Gesundheit nicht durch Körpergewicht, sondern multidimensional definiert (physisch, psychisch, sozial, intellektuell, beruflich, ...). Er soll nicht dazu dienen Menschen zu beschämen, die einen Magenbypass durchführen haben lassen oder durchführen lassen wollen. Vielmehr soll er auf die Probleme des gewichtszentrierten Systems hinweisen und neue gesundheitsorientierte Möglichkeiten aufzeigen.


Was Gesundheit definiert

Laut Centers for Disease Control and Prevention wird Gesundheit nur zu 25% durch Gene, Biologie und Verhalten (=Ernährung, Bewegung, Schlaf, Alkohol,...) definiert. Ganze 75% machen die medizinische Versorgung, ökologische und soziale/gesellschaftliche Faktoren aus.



© Centers for Disease Control and Prevention

in Bacon & Aphramor, 2014


Wir wissen, dass der Weight Bias der Wissenschaft derzeit sehr viele Krankheiten allein dem Körpergewicht zuschreibt: zum Beispiel Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ II. Der Rückschluss ist, dass wenn das Problem des erhöhten Körpergewichts gelöst wird, ebenfalls das Problem der Krankheiten und des frühzeitigen Todes gelöst werden kann.


Was die gewichtszentrierte Forschung verpasst

Viele Menschen, die in größeren Körpern leben, werden vom sozialen Druck der Gesellschaft und des Gesundheitssystems dazu gezwungen, ihr Körpergewicht in eine akzeptierte Norm zu manipulieren, und zwar unter dem Deckmantel der Gesundheit. Die Resultate:


Weight Cycling: Viele dicke Menschen haben bereits zahlreiche Diäten und ein damit einhergehendes Weight-Cycling, also permanente Ab- und Zunahme, hinter sich. Weight-Cycling ist ein vom Körpergewicht unabhängiger Risikofaktor für viele gewichtsassoziierte Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ II (Bacon & Aphramor, 2011).Das Halten egal welches Körpergewichts ist gesünder als permanente (größere) Gewichtsschwankungen.


Diskriminierung: dicke Menschen werden in unserer Gesellschaft strukturell diskriminiert. Wenn du nicht weißt, was ich damit meine, hast du wahrscheinlich thin privilege – also das Privileg eines gesellschaftlich akzeptierten Körpers. Lies dann ganz besonders aufmerksam: dicke Menschen haben weniger Chancen auf Bildung, Jobs und adäquate medizinische Versorgung. Sie werden öffentlich und privat beschämt und sind dadurch permanent unterschiedlicher Formen von Grenzüberschreitungen und Gewalt ausgesetzt. Ihnen wird Faulheit, schwache Willenskraft und ungesundes Verhalten zugeschrieben. Sie haben schlechtere Chancen die Liebe zu finden. Ihr Körper wird oft entweder abgelehnt, oder fetischisiert. Es gibt so gut wie keinen Safer Space für dicke Menschen, die sich in einer Weise bewegen wollen, die Spaß macht und sich gut anfühlt (Ausnahme: Elly Magpie). Wenn du dick bist, hat die ganze Welt Angst davor so auszusehen wie du. Diese strukturelle Diskriminierung wirkt massiv gesundheitsschädigend – und zwar auf unglaublich vielen Ebenen:


  • Schlechte Adaptierung der Ernährungsgewohnheiten (Z.B. Diäten + daraus resultiert oft emotionales essen)

  • Meidung körperlicher Aktivität, weil es keinen Safer Space gibt

  • Erhöhte Stresswerte, gesteigerte stressinduzierte Pathologie (Herzinfarkt, Schlaganfall,...)

  • Meidung von medizinischer Versorgung (weil ohnehin keine Behandlung stattfindet – es wird alles auf das Körpergewicht geschoben)

  • Internalisierter Selbsthass + Folgen

  • Depression, weitere psychische Erkrankungen wie z.B. Essstörungen (Provincial Health Services Authority, 2013)

Wenn Diskriminierung und Weight Cycling nicht als Störfaktoren in Kontrollgruppen berücksichtigt wurden, darf keinesfalls von einer Ursachen-Wirkung gesprochen werden („Erhöhtes Körpergewicht ist/macht ungesund“). Leider wird dieses wichtige Qualitätskriterium in der gewichtszentrierten Forschung kaum berücksichtigt und der Zusammenhang als Ursache dargestellt.


Magenbypass als Teil des gewichtszentrierten Systems

Ein Magenbypass führt zu einer geringeren Kalorienaufnahme und kann daher als invasive Diät interpretiert werden (Bacon, 2010). Wir wissen, dass Diäten Weight Cycling auslösen. Beim Magenbypass kann dieses Weight Cycling zwar um Jahre verlangsamt, aber nicht völlig aufgelöst werden (Bacon & Aphramor, 2014).


Ganz allgemein erhöhen Diäten die körperliche Stressbelastung und vermindern die Stressresistenz, vor allem durch die Kalorienrestriktion/Mangelernährung. Wir wissen, dass emotionales Essen bei Menschen, die Diät halten, aus diesem Grund an Bedeutung gewinnt (Péneau et al., 2013).


Menschen mit einem Magenbypass leben oft in permanenter Angst, das Gewicht wieder zuzunehmen. Es würde bedeuten, dass sich ihre letzte Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit auflöst und sie nun auch hier gescheitert sind. Diese Angst wieder gescheitert zu sein, führt oft zu einer verzerrten/verschönerten Darstellung der postoperativen Realität (Bacon, 2010).


Aber wie können wir nur von individuellem Scheitern sprechen, wenn es hier klare Trends gibt? Es ist verrückt, dass wir in Wahrheit immer wieder dasselbe tun – und uns dabei aber ein anderes Ergebnis erwarten.


Flum, David R. et al. 2005 haben 16.000 Menschen nach der bariatrischen Operation begleitet. 4,6% starben innerhalb eines Jahres – das sind immerhin 736 Menschenleben.

Kritische Betrachtung der Evidenz

Dicken Menschen wird erklärt, dass das dick sein allein zahlreiche gesundheitliche Risiken mit sich bringt und dass eine bariatrische Operation die optimale Lösung für all die Probleme ist. Lindo Bacon, PhD, Wissenschaftler*in und Konzeptentwickler*in von Health At Every Size schreibt in ihrem Buch „Es wäre passender, wenn wir diese Operation als hochrisikoreiche, krankmachende Schönheitsoperation deklarieren würden, anstatt als ein gesundheitsförderndes Verfahren“ (Bacon, 2010).

Flum, David R. et al. 2005 haben 16.000 Menschen nach der bariatrischen Operation begleitet. 4,6% starben innerhalb eines Jahres – das sind immerhin 736 Menschenleben (Flum, 2005 in Bacon, 2010). Sogar die American Society for Metabolic and Bariatric Surgery, die eigentlich besonders hinter dem Verfahren steht, gibt an, dass pro 1000 Patient*innen 2-5 innerhalb eines Monats sterben (American Society for Metabolic and Bariatric Surgery, 2005 in Bacon, 2010) Insgesamt haben Menschen ein siebenfach erhöhtes Risiko, innerhalb des ersten Jahres zu sterben (Swarzc, 2008 in Bacon, 2010).


Weitere Nebenwirkungen, über die kaum gesprochen wird

Darm: Erbrechen von Darminhalt durch Verstopfung des System, Verwachsungen und Polypen, Divertikulitis, Hämorrhoiden, Blähungen, Darm- / Stuhlstörungen, Verstopfung, Durchfall, Verdauungsstörungen durch starke Schleimbildung, rektale Blutungen


Magen, Speiseröhre: fauliger Atem / Mundgeruch (Magengeruch), massives Narbengewebe, übermäßige Magensäure, Übelkeit, Magenschmerzen


Haut/Haare: Körpersekrete (Geruch nach faulem Fleisch), übermäßig trockene Haut, Abblättern der Fingernägel, Verlust der Hautintegrität, Haarausfall


Weiteres: 85% haben Dumping-Syndrom*, Gewichtszunahme, schnelleres Altern, Depression und Suizid, Krebs (Magen, Speiseröhre, Bauchspeicheldrüse und Darm), Anämie, Arthritis, Blackouts/Ohnmacht, , Durchblutungsstörungen, Kälteunverträglichkeit, frühes Auftreten von Diabetes, frühes Auftreten von Bluthochdruck, Elektrolytstörungen, Erosion des Zahnschmelzes, Gallenblasenbeschwerden, gynäkologische Komplikationen, Hormonstörungen, Hernien, eingeschränkte Mobilität, Infektion durch Auslaufen in Körperhöhlen (Peritonitis), Anorexie, unregelmäßige Körperfettverteilung (klumpiger Körper), Eisenmangel, Nierenfunktionsstörung und Versagen, Leberfunktionsstörung und -versagen, Energieverlust, Verlust der Muskelkontrolle, verminderte Immunität und erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten, Muskelkrämpfe, Neuralrohrdefekte bei Kinder, neurologische Beeinträchtigung (Nerven- und Hirnschädigung), Osteoporose, Kaliumverlust, Lungenembolie, Schilddrüsenfehlfunktion, Harnwegsinfektionen, Vitamin- und Mineralstoffmängel, .. (Bacon, 2010)


*Frühdumping: Völlegefüh, Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Magenknurren, Herzrasen, Ermüdbarkeit, Ohnmacht, Schwitzen, Kopfschmerzen, Blässe; Spätdumping: Schwitzen, Zittern, Schwäche, Konzentrationsstörung, Heißhunger, Bewusstseinstrübung


Und nicht zu vergessen: nie wieder normal essen können (beim Magenbypass wird auf 30 ml Magenkapazität verkleinert = ein bisschen mehr als ein Schnapsglas).


Die umfassendste unabhängige Überprüfung der bariatrischen Chirurgie,

durchgeführt vom Emergency Care Research Institute, einer gemeinnützigen Organisation und Forschungsagentur für das Gesundheitswesen, prüfte die Evidenz aus 70 Studien.

Es wurde festgestellt, dass zwar eine beträchtliche Menge an Gewicht abgenommen wurde, Patient*innen aber nach der BMI Definition a*ipös blieben. Sie stellten darüber hinaus fest, dass die Beweise, dass sich gewichtsassoziierte Krankheiten besserten, schwach waren und es nicht eindeutig ist, dass eine bariatrische Operation Herzkrankheiten verbessert oder die Lebensdauer verlängert werden kann. (Emergency Care Research Institute, 2004 in Bacon, 2010)


Es gibt einen großen Mangel an Langzeitdaten, aber aufkommende Daten deuten auf eine allmähliche Gewichtszunahme und die Rückkehr von Begleitkrankheiten auf lange Sicht hin. (Mitchell et al., 2001; Avinoah et al., 1993; Sjöström et al., 2004 in Bacon, 2010)


Der Magenbypass heilt kein Trauma

Die strukturelle Diskriminierung hat bei vielen tiefsitzende Narben hinterlassen. Viele dicke Menschen haben traumatische Erlebnisse hinter sich, die immer noch irgendwo im Körper abgespeichert sind. Psychische Traumata durch gesellschaftliche und private Diskriminierung und körperliche Traumata/Hungertraumata durch oft jahrzehntelanges, selbstgeisselndes Diätverhalten werden nicht immer in Pre- und Postoperationsgesprächen thematisiert und therapiert. Ein Magenbypass kann und wird diese Traumata nicht heilen. Wenn sie die Ursachen eines Mehrgewichtes sind, können wir den Magen 100 Mal zerstückeln. Wird die Ursache nicht behoben oder therapiert, wird das Symptom immer wieder zurückkehren.


Der Magenbypass ändert außerdem nichts an unserem gesundheitsschädigenden, fettfeindlichen System. Im Gegenteil. Er hält es am Leben.


Es wird Zeit, vom hohen Ross der akademischen Arroganz abzusteigen, um endlich einzusehen, dass dieses kollektive Scheitern auf die Methodik zurückgeführt werden muss und nicht an der „Dummheit“, „Faulheit“ oder „schlechten Compliance“ eines jeden Individuums liegt.

Fehler im System

Weltweit werden immer und immer wieder dieselben gewichtszentrierten Methoden kommuniziert: weniger essen, mehr bewegen – damit der Normkörper erreicht wird. Weltweit scheitern diese Methoden. Seit Jahrzenten. Wenn es wirklich so einfach wäre, wären wir schon längst am Ziel. Es wird Zeit, vom hohen Ross der akademischen Arroganz abzusteigen, um endlich einzusehen, dass dieses kollektive Scheitern auf die Methodik zurückgeführt werden muss und nicht an der „Dummheit“, „Faulheit“ oder „schlechten Compliance“ eines jeden Individuums liegt.


Wir haben keinen direkten Einfluss auf unser Körpergewicht und Körperdiversität ist Teil der menschlichen Existenz. Der Schaden, den dieses gewichtszentrierte System bereits auslöst hat geht ins Unermessliche – und die Krönung ist jetzt die invasivste aller Diäten – eine Verstümmelung eines völlig gesunden Organs.


DAS. KANN. NICHT. DIE. LÖSUNG. SEIN.


Wie wär’s, wenn all das Geld von bariatrischen Operationen in pro Gesundheits- und anti Diskriminierungskampagnen gesteckt wird? Nicht Körpergewicht macht Gesundheit aus. Gesundheitsförderndes Verhalten kann Gesundheit unabhängig vom Körpergewicht verbessern (Matheson et al, 2012).


Deine Möglichkeiten für ein gesundes Leben ohne Operation

„Ernährungsrevolution“ ist die Anerkennung, wie viel Schaden das gewichtszentrierte System bereits angerichtet hat. Das Food Freedom Programm ist ein 5-monatiges gesundheitsorientiertes, gewichtsneutrales medizinisch-therapeutisches Programm, bei dem du Intuitives Essen bzw. Intuitives Leben lernst. 6 Berufsgruppen unterstützen dich aus ihren Perspektiven multidimensional. Deine Lebensqualität wird gesteigert, deine Gesundheit gefördert, du schließt Frieden mit dem Essen und deinem Körper. Und der Körper erreicht sein natürliches Sollgewicht von selbst. Langfristig. Nachhaltig. Details zu zum Food Freedom Programm findest du hier.


Quellen

American Society for Metabolic and Bariatric Surgery (2005). “Gastric Bypass and Laparoscopic Gatric Bypass.” Chap. 3 in the Story of Surgery for Obesity:A Brief History and Summary of Bariatric Surgery

Avinoah, E., Ben-Yehuda, A., Ovnat, A., Pilpel, D., & Charuzi, I. (1993). [Long-term weight changes after Roux-en-Y gastric bypass for morbid obesity]. Harefuah, 124(4), 185–187, 248.

Bacon, L. (2010). Health at every size: The surprising truth about your weight (Rev. & updated). BenBella Books.

Bacon, L., & Aphramor, L. (2011). Weight Science: Evaluating the Evidence for a Paradigm Shift. Nutrition Journal, 10(1), 9. https://doi.org/10.1186/1475-2891-10-9

Bacon, L., & Aphramor, L. (2014). Body respect: What conventional health books get wrong, leave out, and just plain fail to understand about weight. BenBella Books.

Emergency Care Research Institute. (2004) Bariatric Surgery for Obesity.

Flum, D. R. (2005). Early Mortality Among Medicare Beneficiaries Undergoing Bariatric Surgical Procedures. JAMA, 294(15), 1903. https://doi.org/10.1001/jama.294.15.1903

Matheson, E. M., King, D. E., & Everett, C. J. (2012). Healthy Lifestyle Habits and Mortality in Overweight and Obese Individuals. The Journal of the American Board of Family Medicine, 25(1), 9–15. https://doi.org/10.3122/jabfm.2012.01.110164

Mitchell, J. E., Lancaster, K. L., Burgard, M. A., Howell, L. M., Krahn, D. D., Crosby, R. D., Wonderlich, S. A., & Gosnell, B. A. (2001). Long-term Follow-up of Patients’ Status after Gastric Bypass. Obesity Surgery, 11(4), 464–468. https://doi.org/10.1381/096089201321209341

Péneau, S., Ménard, E., Méjean, C., Bellisle, F., & Hercberg, S. (2013). Sex and dieting modify the association between emotional eating and weight status. The American Journal of Clinical Nutrition, 97(6), 1307–1313. https://doi.org/10.3945/ajcn.112.054916

Provincial Health Services Authority. (2013). From Weight to Well-Being: Time for a Shift in Paradigms? www.phsa.ca/populationhealth

Sjöström, L., Lindroos, A.-K., Peltonen, M., Torgerson, J., Bouchard, C., Carlsson, B., Dahlgren, S., Larsson, B., Narbro, K., Sjöström, C. D., Sullivan, M., Wedel, H., & Swedish Obese Subjects Study Scientific Group. (2004). Lifestyle, diabetes, and cardiovascular risk factors 10 years after bariatric surgery. The New England Journal of Medicine, 351(26), 2683–2693. https://doi.org/10.1056/NEJMoa035622

Swarzc, S. The other side of the story - Part Two, Junkfood Science (blog). Apr. 27, 2008

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