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Die Nebenwirkungen von Meditation, über die kaum jemand spricht

2. Okt.
5 Min. Lesezeit

Es gibt wenige Dinge, auf die so viele Menschen so überzeugt schwören. Meditation hilft beim Runterkommen, beim Einschlafen, beim Aufhören zu grübeln. Sie macht den Kopf leiser und den Atem länger. Und das ist gut belegt: Meditation kann Stress, Angstsymptome und depressive Beschwerden nachweislich reduzieren.


Die Wurzeln liegen in Indien, die ältesten schriftlichen Hinweise auf meditative Praktiken finden sich in den vedischen Texten, später im Buddhismus, im Hinduismus und im Jainismus. Was über Jahrtausende Teil eines spirituellen Weges war, ist heute Mainstream: Apps, Retreats, Achtsamkeitstrainings in Unternehmen, Meditationsangebote in Schulen und Gefängnissen. Ein Milliardenmarkt. In Deutschland hat einer repräsentativen Umfrage zufolge rund jede siebte Person schon einmal meditiert, sechs bis sieben Prozent tun es aktuell regelmäßig.


Doch die Traditionen, aus denen diese Praktiken stammen, beschreiben seit Jahrhunderten auch etwas anderes: dass Meditation Menschen aus der Bahn werfen kann. Die moderne Forschung hat diesen Teil lange ignoriert und holt hier gerade erst auf. Die Zahlen, die dabei herauskommen, sind unbequem: Rund die Hälfte der Meditierenden erlebt mindestens eine unerwünschte Nebenwirkung, bei jeder zehnten Person hält sie mindestens einen Monat an. Von Angst über Schlafstörungen bis hin zu dem Gefühl, nicht mehr im eigenen Körper zu sein.


Was passieren kann

Die US-amerikanische Psychologin Willoughby Britton forscht als eine der wenigen weltweit systematisch zu meditationsbezogenen Nebenwirkungen. Sie unterscheidet drei wiederkehrende Muster: Am häufigsten ist Angst. Danach folgt Angst in Kombination mit Dissoziation oder Dissoziation allein. Betroffene von Dissoziation berichten, sich losgelöst vom eigenen Körper zu fühlen. Sie beobachten sich beispielsweise beim Zähneputzen, haben aber nicht das Gefühl selbst ihre Hand zu steuern. Deutlich seltener, aber am gravierendsten sind psychotische Episoden.


Wie breit das Spektrum tatsächlich ist, zeigt die bislang umfassendste Untersuchung zum Thema: In der zehnjährigen "Varieties of Contemplative Experience"-Studie von Jared Lindahl und Willoughby Britton wurden über 100 Meditierende und Lehrende ausführlich interviewt. Das Ergebnis war ein Katalog von mehr als 50 Erfahrungstypen in sieben Bereichen – von körperlichen und emotionalen über kognitive und Wahrnehmungsveränderungen bis hin zu Veränderungen des Selbstgefühls und des Soziallebens. Die Dauer reichte von wenigen Tagen über Monate bis zu über einem Jahrzehnt.


Warum kaum jemand darüber spricht

Warum so selten darüber gesprochen wird? Die Forschung hat Nebenwirkungen jahrzehntelang nicht erhoben. Eine systematische Übersichtsarbeit von Miguel Farias und Kolleg:innen wertete 83 Meditationsstudien aus den Jahren 1975 bis 2019 aus. Nur in 65 Prozent davon wurden unerwünschte Effekte überhaupt erwähnt. Wo aktiv nachgefragt wurde, stiegen die Zahlen sofort deutlich an.


Genau das zeigte auch eine Studie von Britton und ihrem Team: 96 Teilnehmende eines achtwöchigen Achtsamkeitsprogramms wurden nach dem Kurs von unabhängigen Interviewer:innen systematisch befragt, anhand von 44 konkreten Fragen. 58 Prozent berichteten eine negativ erlebte Nebenwirkung, bei 37 Prozent beeinträchtigte sie die Alltagsfunktion.


Wenig Aufmerksamkeit bekam auch die bislang teuerste Studie der Meditationsforschung: Über 8.000 britische Schulkinder zwischen 11 und 14 Jahren wurden an 84 Schulen untersucht. Achtsamkeitstraining verbesserte ihr Wohlbefinden nicht und hatte bei Kindern mit erhöhtem Risiko für psychische Probleme sogar negative Effekte.


Wer besonders gefährdet ist

Aber wie kommt es zu diesen Nebenwirkungen? Inzwischen zeichnen sich einige Risikofaktoren ab.


  1. Der erste ist die Dosis. Nebenwirkungen treten gehäuft bei intensiven Formaten auf: mehrtägige Schweigeretreats, viele Stunden Praxis am Tag, dazu oft Schlafmangel, reduzierte Nahrungsaufnahme und soziale Isolation. Das ist eine erhebliche Belastung für das Nervensystem.


  1. Der zweite sind psychische Vorerkrankungen. Ein Team der Charité Berlin befragte rund 1.370 regelmäßig Meditierende: 22 Prozent hatten besonders unangenehme Erfahrungen gemacht, 13 Prozent solche, die als unerwünschte Wirkung einzuordnen sind. Wer bereits vor Beginn der Praxis eine psychische Erkrankung hatte, war signifikant häufiger betroffen.


  1. Der dritte ist interessanterweise die Erwartung. Der Psychologe Ulrich Ott, der in Deutschland zu meditationsinduzierten Krisen forscht, beschreibt das Bild von Meditation im Westen als stark positiv eingefärbt und ein Stück weit naiv. Genau das mache es zum Risikofaktor: Wer nicht damit rechnet, dass etwas Unangenehmes auftauchen könnte, ist umso erschütterter, wenn es passiert.


Dazu kommt ein strukturelles Problem: Es gibt keine verpflichtende Ausbildung für Meditationslehrende und keine Kontrolle von Meditationsangeboten. Manche Anbieter arbeiten sorgfältig, screenen vorab und haben Ansprechpersonen für den Fall, dass es jemandem schlecht geht. Der MBSR-MBCT Verband, der Achtsamkeitslehrende in Deutschland zertifiziert, reagierte beispielsweise einen Tag nach der Veröffentlichung einer SWR-Dokumentation zum Thema Nebenwirkungen mit einem eigenen Statement: Man sei sich bewusst, dass Meditation nicht für alle Menschen gleichermaßen geeignet sei und bestimmte Gruppen ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen hätten. Gleichzeitig verweist der Verband auf seine Ausbildungsstandards und sein Qualitätsmanagement.



Was das praktisch heißt

Für die meisten Menschen, die zehn Minuten am Tag meditieren, ist das Risiko gering. Schwere Verläufe sind selten und treten fast immer im Zusammenhang mit intensiven Formaten auf. Die Risiken steigen mit der Intensität. Sinnvoll ist trotzdem: langsam steigern statt direkt ins Wochenendretreat. Bei bestehenden psychischen Erkrankungen oder Traumafolgestörungen vorher mit einer Fachperson sprechen. Und Anbieter fragen, wie sie mit schwierigen Erfahrungen umgehen. Britton beobachtet als häufigstes Reaktionsmuster bei Problemen und negativen Nebenwirkungen: Die Schuld wird den Betroffenen zugeschoben. Sie hätten falsch meditiert, zu früh aufgehört, ihre Probleme ohnehin schon mitgebracht.


Anlaufstellen gibt es inzwischen. In Deutschland berät die Beratungsstelle für meditationsinduzierte Krisen in Freiburg, gegründet von den Psycholog:innen Ulrich Ott und Liane Hofmann. International ist das von Willoughby Britton gegründete Cheetah House die bekannteste Adresse.



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Quellen:

Britton WB, Lindahl JR, Cooper DJ, Canby NK, Palitsky R. Defining and Measuring Meditation-Related Adverse Effects in Mindfulness-Based Programs. Clin Psychol Sci. 2021;9(6):1185–1204. doi: 10.1177/2167702621996340.


Farias M, Maraldi E, Wallenkampf KC, Lucchetti G. Adverse events in meditation practices and meditation-based therapies: a systematic review. Acta Psychiatr Scand. 2020;142(5):374–393. doi: 10.1111/acps.13225.


Goldberg SB, Lam SU, Britton WB, Davidson RJ. Prevalence of meditation-related adverse effects in a population-based sample in the United States. Psychother Res. 2022;32(3):291–305. doi: 10.1080/10503307.2021.1933646.


Lindahl JR, Fisher NE, Cooper DJ, Rosen RK, Britton WB. The varieties of contemplative experience: A mixed-methods study of meditation-related challenges in Western Buddhists. PLoS ONE. 2017;12(5):e0176239. doi: 10.1371/journal.pone.0176239.


Pauly L, Bergmann N, Hahne I, Pux S, Hahn E, Ta TMT, Rapp M, Böge K. Prevalence, predictors and types of unpleasant and adverse effects of meditation in regular meditators: international cross-sectional study. BJPsych Open. 2021;7(6):e216. doi: 10.1192/bjo.2021.1066.


Kuyken W, et al. Effectiveness and cost-effectiveness of universal school-based mindfulness training compared with normal school provision in reducing risk of mental health problems in adolescents: the MYRIAD cluster randomised controlled trial. Evid Based Ment Health. 2022;25(3):99–109. doi: 10.1136/ebmental-2021-300396.


Van Dam NT, et al. Incidence and Predictors of Meditation-Related Unusual Experiences and Adverse Effects in a Representative Sample of Meditators in the United States. Clin Psychol Sci. 2025. doi: 10.1177/21677026241298269.


Farias M. Meditation can be harmful – and can even make mental health problems worse. The Conversation, 2024. https://theconversation.com/meditation-can-be-harmful-and-can-even-make-mental-health-problems-worse-230435


Cheetah House. Negative Symptoms of Meditation. https://www.cheetahhouse.org/symptoms


Vollbild (SWR). Krank durch Meditation? Die unbekannten Gefahren der Achtsamkeit. Folge 28, Erstveröffentlichung 19.03.2024, ca. 30 Min. ARD Mediathek. https://www.ardmediathek.de/video/vollbild-recherchen-die-mehr-zeigen/krank-durch-meditation-die-unbekannten-gefahren-der-achtsamkeit/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIwMjA2MzY

 
 
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