Ich habe Fehler gemacht
Letzte Woche ist ein bestimmter Stoffwechselarzt auf mein Instagram-Profil aufmerksam geworden. In Direktnachrichten hat er mir unter anderem unterstellt:
• Fachliche Mängel, die langfristig gefährden
• Cherry-Picking bei der Studienauswahl
• Wenig Verwendung von Originalliteratur, oft gefärbte gewichtsneutrale Reviews
• Falschbehauptungen
Wenn ich kritisiert oder auf nachvollziehbare Fehler hingewiesen werde, nehme ich das sehr ernst.
Als ich 2021 mit meinem Insta-Account gestartet habe, hatte ich eine deutlich radikalere Einstellung zur Gewichtsneutralität. Ich habe damals die These unterstützt, dass die gesundheitlichen Risikofaktoren bzgl. Körpergewicht großteils als Zusammenhang auftauchen, aber dass es als Ursache nicht gut belegt ist. 5 Jahre später sehe ich das anders. - genau das fließt seit längerem auch schon in meinen Content ein.
Eine erhöhte Fettmasse kann der Auslöser für Stoffwechselprobleme sein - und eine Gewichtsreduktion kann das beheben. Es ist korrekt, dass ich frühere Inhalte löschen sollte, die zu radikal formuliert waren und nicht mehr meiner Perspektive entsprechen - und für diesen Hinweis möchte ich mich bedanken. An meinem gewichtsneutralen Ansatz hat sich aber sonst nichts geändert. Ich erkläre gerne, warum.
Das Problem mit vielen Ärzt:innen
Ärzt:innen sind meistens sehr gut in physischen Belangen ausgebildet - das führt aber oft dazu, dass Menschen als Maschinen gesehen werden, nicht als die komplexen Wesen, die sie sind. Beim Thema Körpergewicht und Gesundheit ist es besonders fatal, wenn zum Beispiel soziologische, sozioökonomische, psychologische oder verhaltensptechnische Komponenten ignoriert werden. Und genau das unterstelle ich jeder Person, die nur Fettmasse erwähnt, wenn es um Gesundheitsrisiken geht. Aber eins nach dem anderen. Bleiben wir noch kurz bei der körperlichen Komponente. Denn hier gibt es auch ein wesentliches Update:
Der Body Mass Index sollte nicht allein zur Risikobewertung herangezogen werden.
Dr. Itariu (Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen und Präsidentin der Adipositas Gesellschaft Österreich) und Dr. Brix (Fachärztin für Innere Medizin, ehem. Präsidentin der Adipositas Gesellschaft Österreich und Leiterin der Adipositas Akademie) schreiben in ihrem Buch:
“Bis zu 30 % aller Menschen mit einem BMI im Adipositas-Bereich sind ansonsten gesund und circa ein Viertel aller schlanker Menschen können sehr wohl eine erhöhte oder nicht gut funktionierende Fettmasse haben, die sie krank macht. Jedes andere diagnostische Instrument, bei dem bis zu einem Drittel falsch positiv und ein Viertel falsch negativ ausfällt, würde in der Medizin als schwach, schwammig, gar inakzeptabel bewertet werden. Der BMI birgt erhebliche Risiken sowohl für die betroffenen Patient*innen als auch für das Gesundheitssystem. Es führt zu unnötigem Behandlungsdruck, erhöhter psychischer Belastung und sozialer Stigmatisierung der falsch-positiv diagnostizierten Menschen. Gleichzeitig erhalten falsch-negativ getestete Personen (die schlank gelesen werden, aber eigentlich einen nicht gut funktionierenden Stoffwechsel haben) möglicherweise keine rechtzeitige Diagnose und Therapie, was zu einer Verschlimmerung ihrer Erkrankung mit potenziell gefährlichen Folgen führen kann.“
Itariu, B. & Brix, J. (2025). Das Gewicht unserer Körper: über Bodyshaming in der Medizin - und warum Mitgefühl und Respekt wichtiger sind als Abnehmtipps.
Ich habe schon öfters auch andere Studien gezeigt, die zum Beispiel darauf hinweisen, dass Menschen unterschiedlich viel Fett metabolisch gut speichern können.
Chakaroun, R. M., Pradhan, M., Björnson, E., Arvidsson, D., Fridolfsson, J., Gummesson, A., Schoeler, M., Mitteregger, M., Smith, G. J., Larsson, I., Börjesson, M., Blüher, M., Uhlén, M., Stumvoll, M., Bergström, G., Tremaroli, V. & Bäckhed, F. (2026). Multi-omic definition of metabolic obesity through adipose tissue–microbiome interactions. Nature Medicine, 32(1), 113–125. https://doi.org/10.1038/s41591-025-04009-7
Taylor R. (2021). Type 2 diabetes and remission: practical management guided by pathophysiology. Journal of internal medicine, 289(6), 754–770. https://doi.org/10.1111/joim.13214
Eine gewichtsneutrale Haltung sagt NICHT
Gewicht egal
Fettmasse egal
Sie sagt: wir müssen jeden Menschen individuell betrachten. Und Menschen, die Probleme aufgrund ihrer erhöhten Fettmasse haben, sollten natürlich Unterstützung bekommen.
Wichtige Informationen der Gesundheitsoganisationen
Die WHO und die World Obesity Federation sehen ein großes Problem in der Diskriminierung und Stigmatisierung von dicken Menschen. Die World Obesity Federation empfiehlt in einem Statement Paper aus 2023 auch deshalb einen gewichtsneutralen Ansatz. Besagter Stoffwechselarzt meinte zu mir, es wäre eine Falschaussage. Hier die Belege:
Changing the global obesity narrative to recognize and reduce weight stigma: A position statement from the World Obesity Federation
Engage in weight-neutral health promotion. Given that current narratives equating weight and body size with health contribute to weight stigma, health promotion strategies should focus on health outcomes instead of weight.91 A shift is needed away from a focus on weight, weight loss, and a predetermined notion of “healthy weight” (based on BMI) towards a holistic focus on health and wellbeing for an individual, regardless of their weight or size.
Es ist ein riesengroßes Problem für dicke Menschen, dass sich so viele Fachkräfte nicht über Weight Bias im Klaren sind. Ja, Fettmasse kann einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Aber wie undifferenziert und empathielos darüber gesprochen wird, ist ein erhebliches Gesundheitsrisiko für Betroffene. Ein gewichtsneutraler Ansatz soll genau das ändern.
Weight Cycling - Jojo-Effekt
Die längste Zeit war es common sense, dass der Jojo-Effekt das Risiko für viele Stoffwechselerkrankungen erhöhen kann, unabhängig vom Körpergewicht. Das wurde in Hochschulen und Fortbildungen unterrichtet. Der Zusammenhang wird auch im Buch von Dr. Itariu und Dr. Brix erwähnt.
Ich persönlich habe oft dieses Paper zitiert:
Zou, H., Yin, P., Liu, L., Liu, W., Zhang, Z., Yang, Y., Li, W., Zong, Q., & Yu, X. (2019). Body-Weight Fluctuation Was Associated With Increased Risk for Cardiovascular Disease, All-Cause and Cardiovascular Mortality: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in endocrinology, 10, 728. https://doi.org/10.3389/fendo.2019.00728
Was ich nicht deutlich genug kommuniziert habe: diese Studie zeigt einen Zusammenhang, aber sie belegt keine Ursachen-Wirkung. Im Mai 2026 ist ein Personal Review erschienen, der nun genau diese Ursachen-Wirkung in Frage stellt. Er beschreibt, dass es mitunter an einer "Reverse Causality" liegen könnte - Das bedeutet: man denkt, A verursacht B – tatsächlich kann aber B (mit-)verursachen, dass A entsteht. Das ist eine These, die für Menschen, die abnehmen wollen, viel verändern kann. Denn ein Aspekt der Forderung nach Gewichtsneutralität war die potentiell schädigende Wirkung durch Weight Cycling zu reduzieren.
Aus dieser Haltung haben sich damals Sätze ergeben wie:
“Das Halten von fast jedem Körpergewicht könnte gesünder sein, als permanente Gewichtsschwankungen.” Denn (so die Erklärung damals): dicke Menschen erhöhen ihr ohnehin erhöhtes Risiko für Krankheiten, wenn sie permanent große Gewichtsschwankungen haben.
In Anbetracht dieses neuen Reviews, würde ich diese Aussage so nicht mehr tätigen, sondern abwarten, was neue Forschung sagt. Der Personal Review allein überzeugt mich aber nicht ausreichend. Unter anderem weil es kein Systematischer Review ist und dadurch unterschiedliche Qualitätsmängel vorliegen (dazu in einem anderen Beitrag mehr). Eine möglicher Interessenskonflikt ist außerdem, dass die Autoren angeben, von Firmen gefördert / Beratungshonorare erhalten zu haben, die die Abnehmspritzen vertreiben.
Magkos, F. & Stefan, N. (2026). Is weight cycling clinically harmful? The Lancet Diabetes & Endocrinology, 14(7), 594–607. https://doi.org/10.1016/s2213-8587(26)00037-9
Ein wichtiger Aspekt ist dennoch, dass es in der gewichtsneutralen Haltung nicht darum ging, Mehrgewicht zu verherrlichen oder von Gewichtsreduktion abzuraten - genau das wird sehr gerne unterstellt und fehlinterpretiert. Viel mehr ging es darum, dass Gesundheitsgewinne auch möglich sind, ohne nennenswerten Gewichtsverlust, nämlich durch Verhaltensänderung.
Also: Gesundes Verhalten, um die Gesundheit zu fördern.
Nicht: Abnehmen, um die Gesundheit zu fördern.
Nach neuerer Durchsicht alter Blogbeiträge, muss ich manche tatsächlich vollkommen löschen (zum Beispiel der Artikel zur Magen-OP oder zu den Diabetes Leitlinien). Der Stoffwechselarzt hat mich beim Blogartikel “Kann sich der Stoffwechsel erholen?” ebenfalls auf methodische Mängel hingewiesen. Er ist der Meinung, dass Abnehmen nicht den Energieverbrauch beeinträchtigt.
Dr. Itariu und Dr. Brix schreiben dazu übrigens in ihrem Buch:
“Während der Gewichtsabnahme passt sich der Stoffwechsel an, indem er langsamer wird. Bei erneuter Gewichtszunahme bleibt der Energieverbrauch bei manchen Menschen niedrig, was langfristig eine erneute Zunahme begünstigt.”
In den Adipositas Leitlinien steht:
“Unsere Umwelt (ständige Verfügbarkeit von Nahrung) und die physiologischen Anpassungsvorgänge bei Gewichtsreduktion (Hunger-/Sättigungsgefühl, Reduktion des Energieverbrauchs, Änderung peripherer appetitregulierender Hormone, Änderung neuronaler Reaktionen auf nahrungsrelevante Stimuli) erschweren die Aufrechterhaltung von Verhaltensänderungen”
Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“
Der Arzt hat keine Unterlagen zugeschickt, auf die er seine Aussagen bezieht. Ich werde ein bisschen Zeit für einen deep-dive brauchen, um seine Kritik zu überprüfen. Bis dahin ist der Artikel offline.
Ich bin sicher nicht fehlerfrei und in der Wissenschaft verändern sich Dinge laufend.
Es ist wichtig, sich regelmäßig selbst zu hinterfragen und offen für neue Erkenntnisse und Perspektiven zu bleiben. Aber ich werde auf meinem Account sicher nicht - so wie von ihm gefordert - anfangen, Inhalte zu teilen, die die Diskriminierung und Stigmatisierung von dicken Menschen fördern.
Im Gegenteil:
Meine Forderung an alle da draußen ist, genau das zu unterlassen. Denn wenn die Gesundheit von Menschen wirklich wichtig ist, muss sie GANZHEITLICH betrachten.



