Wie wirken Abnehmmedikamente ohne Verhaltensänderung?

Abnehmmedikamente wirken, das ist inzwischen gut belegt. Viele Studien berichten nicht nur über eine deutliche Gewichtsreduktion, sondern auch über eine Verbesserung von verschiedenen Gesundheitsparametern. Die Wirkung der Medikamente wurde aber meistens nur in Kombination mit Lebensstilinterventionen untersucht.
Deshalb habe ich mich gefragt: wie wikt eigentlich die Spritze, wenn der Lebensstil nicht geändert wird? Und wie wirkt sich das auf die Langfristigkeit des Gewichtsverlusts aus, wenn das Medikament abgesetzt wird?
Viel habe ich dazu nicht gefunden - aber was ich gefunden habe, möchte ich jetzt berichten: eine Studien-Serie zu Liraglutid.
Info: Im Folgenden habe ich gefundene Studien sehr genau beschrieben. Wenn dir das zu viel zum Lesen oder zu kompliziert ist: springe gleich zum Punkt "Was bedeutet das insgesamt? Fazit" - das ist eine kurze Zusammenfassung :)
Die Studien-Serie
In der sogenannten S-LiTE-Studie nahmen 195 Erwachsene mit Adipositas teil. Zunächst verloren alle Teilnehmenden durch eine achtwöchige stark kalorienreduzierte Ernährung im Durchschnitt 13,1 Kilogramm.
Danach wurden sie für ein Jahr in vier Gruppen eingeteilt:
Kein wirksames Abnehmmedikament (=Placebo)
Nur ein strukturiertes Bewegungsprogramm
Nur Liraglutid (=Abnehmmedikament)
Liraglutid plus strukturiertes Bewegungsprogramm gemeinsam
Das Bewegungsprogramm bestand aus etwa zwei Stunden moderater bis intensiver Bewegung pro Woche und beinhaltete unter anderem Radfahren, Laufen und Zirkeltraining.
Auch wichtig: Alle Teilnehmenden bekamen während des Jahres Beratung zu Ernährung und Gewichtsmanagement. Verglichen wurde also nicht „Spritze versus Lifestyle“, sondern vor allem Liraglutid mit normaler Alltagsbewegung versus Liraglutid plus strukturiertes Training (Lundgren et al., 2021).
Auf der Waage funktioniert die Spritze auch ohne Training
Nach dem ersten Gewichtsverlust von durchschnittlich 13,1 Kilogramm begann das eigentliche Studienjahr.
Die Placebogruppe nahm innerhalb dieses Jahres durchschnittlich 6,1 Kilogramm wieder zu.
Die Personen mit Bewegung konnten ihren Gewichtsverlust im Durchschnitt ungefähr halten.
Die Liraglutid-Gruppe konnte den Gewichtsverlust im Durchschnitt ebenfalls ungefähr halten.
Die Gruppe mit Liraglutid plus Bewegung verlor dagegen noch einmal durchschnittlich 3,4 Kilogramm zusätzlich. Der Unterschied beim Körpergewicht zwischen Liraglutid allein und Liraglutid plus Bewegung war statistisch nicht eindeutig. Das bedeutet: Aus dieser Studie können wir nicht sicher schließen, dass das zusätzliche Training während der Medikamenteneinnahme zu einem größeren Gewichtsverlust führt (Lundgren et al., 2021).

Aber der Blick über die Waage hinaus lohnt sich:
Gleiche Zahl auf der Waage bedeutet nicht automatisch gleiche Körperzusammensetzung
Beim Körperfett zeigte sich nämlich ein anderes Bild.
Der Körperfettanteil sank in der Gruppe mit Liraglutid plus Bewegung stärker als bei Liraglutid allein. Der Unterschied betrug rund 1,9 Prozentpunkte und war statistisch signifikant (Lundgren et al., 2021).

Noch interessanter wird es bei der fettfreien Masse. Damit ist nicht ausschließlich Muskelmasse gemeint. Zur fettfreien Masse gehören unter anderem Muskeln, Knochen, Organe und Körperwasser. Während einer größeren Gewichtsabnahme geht normalerweise nicht nur Fett verloren, sondern auch ein Teil dieser fettfreien Masse.
In der Bewegungsgruppe nahm fettfreie Masse während des Studienjahres zu.
In der Kombination aus Liraglutid und Bewegung konnte sie trotz des großen Fettverlusts weitgehend erhalten werden.
Bei Liraglutid allein zeigte sich dieser Effekt nicht in gleichem Ausmaß (Lundgren et al., 2021).

Eine größere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2026 kommt zu einem ähnlichen Punkt:
Bei GLP-1- beziehungsweise Inkretinmedikamenten machten Verluste an fettfreier Masse je nach Wirkstoff ungefähr 25 bis 39 % des gesamten Gewichtsverlusts aus. Bei klassischen Lifestyleinterventionen war dieser Anteil insgesamt ähnlich.
Aber: In dieser Meta-Analyse lag der Anteil der verlorenen fettfreien Masse bei Personen mit zusätzlichem strukturiertem Krafttraining bei rund 17,5 %. Das spricht dafür, dass Krafttraining beim Erhalt fettfreier Masse eine wichtige Rolle spielen könnte. (Eisa & Barood, 2026).
Bewegung verändert mehr als das Gewicht
Auch die körperliche Fitness entwickelte sich unterschiedlich.
Die Fitness verbesserte sich in den beiden Gruppen mit strukturiertem Training.
Unter Liraglutid allein wurde diese Verbesserung nicht so deutlich beobachtet.

Eine spätere Analyse derselben Studie untersuchte außerdem die Knochen. Dabei zeigte sich unter Liraglutid allein eine stärkere Abnahme der Knochendichte an Hüfte und Wirbelsäule als in der Bewegungsgruppe. Bei der Kombination aus Liraglutid und Bewegung blieb die Knochendichte dagegen trotz der größeren Gewichtsabnahme vergleichsweise gut erhalten (Jensen et al., 2024a). Hier gilt: Die Untersuchung der Knochen war ein zusätzlicher Studienendpunkt. Die Ergebnisse sollten deshalb vorsichtiger bewertet werden als die primären Ergebnisse zum Körpergewicht.
Aber warum ist körperliche Fitness und fettfreie Masse / Muskelmasse so wichtig?
Die Qualität des Gewichtsverlusts – insbesondere der Erhalt der fettfreien Körpermasse ist für die langfristige Gesundheit von großer Bedeutung. Die fettfreie Körpermasse umfasst unter anderem Skelettmuskulatur, Organe und Knochen und spielt eine wichtige Rolle für den Glukosestoffwechsel, den Ruheenergieverbrauch und die körperliche Funktionsfähigkeit.
Ein Verlust an fettfreier Masse während einer Gewichtsreduktion kann mit einem niedrigeren Grundumsatz, verminderter Kraft und körperlicher Leistungsfähigkeit, einem erhöhten Risiko für Sarkopenie* und möglicherweise auch einer höheren Anfälligkeit für eine erneute Gewichtszunahme verbunden sein. (Eisa & Barood, 2026)
Niedrige Skelettmuskelmasse ist in Beobachtungsstudien mit höherer Sterblichkeit assoziiert (Wang et al., 2023); Sarkopenie mit geringerer Lebensqualität (Beaudart et al., 2023).
Höhere kardiorespiratorische Fitness** ist sehr konsistent mit niedrigerer Sterblichkeit verbunden (Lang et al., 2024).
(Das sind Zusammenhänge, aber keine Garantie auf ein längeres Leben.)
*Sarkopenie ist eine Skelettmuskelerkrankung, bei der geringe Muskelkraft im Vordergrund steht; geringe Muskelmenge/-qualität bestätigt die Diagnose. (Cruz-Jentoft et al., 2019)
**wie gut dein Herz-Kreislauf-System unter Belastung funktioniert
Wie viel Proteine braucht man?
Leider konnte ich keine randomisierte Kontrollstudie finden, die Abnehmmedikamente ohne Ernährungsberatung vs. Abnehmmedikamente mit Ernährungsberatung untersuchten. Wie oben erwähnt inkludieren die meisten Studien zu Abnehmmedikamenten auch Ernährungsberatungen.
In einer retrospektiven Untersuchung wurde festgestellt, dass Personen unter GLP-1 Therapie mit Ernährungsberatung mehr Fettmasse verloren und mehr Muskelmasse erhalten konnten als Personen mit GLP-1 Therapie ohne Ernährungsberatung. (Hoffmann et al., 2026)

Eine Meta-Analyse zu Abnehmen (allgemein) und Proteinen hat Folgendes ergeben:
47 Studien mit insgesamt 3.218 Teilnehmenden wurden eingeschlossen. In die Analyse der Muskelmasse gingen 28 Studien mit 1.989 Teilnehmenden ein.
Die Ergebnisse zeigten, dass eine erhöhte Proteinzufuhr den Verlust an Muskelmasse bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, die eine Gewichtsreduktion anstrebten, signifikant verringerte.
Eine erhöhte Proteinzufuhr konnte hingegen Abnahmen der Muskelkraft und der körperlichen Funktionsfähigkeit nicht signifikant verhindern.
Eine Proteinzufuhr von mehr als 1,3 g/kg/Tag dürfte mit einer Zunahme der Muskelmasse verbunden sein, während eine Zufuhr von weniger als 1,0 g/kg/Tag mit einem höheren Risiko für einen Rückgang der Muskelmasse assoziiert ist. Das Verzerrungsrisiko der Studien zur Muskelmasse reichte von niedrig bis hoch. (Kokura, 2024)
Das passierte nach der Therapie
Erinnere dich nochmal an die oben erwähnte Studie mit den 4 Kontrollgruppen. Nach einem Jahr wurden sowohl das Medikament als auch das betreute Bewegungsprogramm beendet.
Bis hierhin könnte man sagen: Bewegung bringt zusätzliche Vorteile für Fitness und Körperzusammensetzung – aber beim Gewicht selbst ist der Unterschied während der Behandlung nicht eindeutig.
Dann kam das Follow-up.
Ein weiteres Jahr später wurden die Teilnehmenden erneut untersucht. 109 der 195 Studienteilnehmenden konnten eingeschlossen werden. Und jetzt gingen die Gruppen noch deutlicher auseinander.
Menschen, die zuvor nur Liraglutid bekommen hatten, nahmen nach dem Absetzen stärker wieder zu. Ihre Gewichtszunahme war im Jahr nach Therapieende durchschnittlich etwa 6 Kilogramm größer als bei den Personen, die zuvor am Bewegungsprogramm teilgenommen hatten.
Auch im Vergleich zwischen Liraglutid allein und der Kombination war ein Unterschied sichtbar: Ein Jahr nach Ende der Behandlung lag das Körpergewicht der früheren Kombinationsgruppe durchschnittlich 5,1 Kilogramm niedriger als in der Gruppe, die zuvor nur Liraglutid erhalten hatte. Auch der Körperfettanteil war durchschnittlich 2,3 Prozentpunkte niedriger (Jensen et al., 2024b).


Was bedeutet das insgesamt? Fazit
Liraglutid wirkt auch ohne Bewegungstherapie in der Gewichtsreduktion.
Die Kombination mit Bewegung führte während der Behandlung nicht zu einem statistisch signifikanten, größeren Gewichtsverlust. Wird alleine auf die Waage geschaut, könnte man meinen, man braucht keine Lebensstilintervention.
Aber die genaueren Messwerte zur Körperzusammensetzung sind sehr deutlich:
Mit gemeinsamer Bewegungstherapie
Der Körperfettanteil sank stärker
Die körperliche Fitness verbesserte sich deutlicher
Die fettfreie Masse wurde besser erhalten
Die Knochendichte blieb besser erhalten
Mit gemeinsamer Ernährungstherapie
Muskelmasse blieb besser erhalten
Fettmasse wurde mehr reduziert
Noch deutlicher wurde es nach dem Absetzen.
Nach der Therapie
Ein Jahr nach Ende der Behandlung hatten Personen, die zuvor nur Liraglutid bekommen hatten, deutlich mehr Gewicht wieder zugenommen als Menschen, die zuvor nur Bewegungstherapie absolvierten.
Also: Die Spritze macht dich dünner, ja. Aber in bestimmten Endpunkten (hier genannt: Fettfreie Masse, Körperliche Fitness) nicht unbedingt gesünder. Genau darin könnte eine wichtige Aufgabe von Lifestyleinterventionen liegen.
Was wir aus dieser Studie allerdings nicht wissen: Ob genau dieselben Ergebnisse auch mit Semaglutid oder Tirzepatid auftreten. Untersucht wurde Liraglutid.
Conclusio: Die Spritze kann das Gewicht verändern. Lifestyleintervention kann zusätzlich beeinflussen, wie sich deine Körperzusammensetzung verändert – und möglicherweise auch, was davon langfristig bleibt.
Wie es jetzt für dich weitergehen kann
Du weißt jetzt, dass du Proteine und Training brauchst, um deine Muskelmasse und Knochendichte zu erhalten und deine Fitness zu steigern. Und dass du dadurch ein geringeres Risiko der Wiederzunahme hast, wenn du die Abnehmmedikamente absetzt. Was offen bleibt ist, wie du das in deinen Alltag integrieren kannst.
Genau dafür haben wir ein ganzheitliches 6-wöchiges Programm entwickelt:
Termin – 10.10.: Ernährungstherapie. Wie viel Proteine brauche ich? Wie schaffe ich es, auf meinen Proteinbedarf zu kommen? Wie schaffe ich es, ausreichend zu essen, auch ohne Appetit? Wie gehe ich mit Nebenwirkungen wie Übelkeit um?
Termin – 17.10.: Bewegungstherapie. Wie schaffe ich es, Bewegung in meinen Alltag zu integrieren, um meine Muskelmasse zu schützen und meine Cardiorespiratorische Funktion zu steigern? Welcher Plan funktioniert auch an schlechten Tagen?
Termin – 24.10. Psychotherapie. Wie gehe ich mit der Veränderung in meinem Alltag um? Was ist, wenn die Scham bleibt? Wie reguliere ich Gefühle ohne Essen? Wie behalte ich meine Handlungsfähigkeit langfristig?
Termin – 14.11. Q&A-Session. Deine Fragen zur besseren Alltags-Integration
Das Programm ist mit Community und Austausch aufgebaut. Du lernst andere Menschen kennen, die genau denselben Weg gehen, wie du.
Es gibt nur noch 4 early bird Plätze. Hier kannst du dich anmelden


Literatur
Eisa, N., & Barood, O. (2026). Lean mass changes with incretin therapy versus lifestyle intervention: A systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. Diabetes, Obesity and Metabolism. https://doi.org/10.1111/dom.70666
Beaudart C., Demonceau C., Reginster J.-Y., Locquet M., Cesari M., Cruz Jentoft A. J., et al (2023) Sarcopenia and health-related quality of life: A systematic review and meta-analysis, Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle, 14, 1228–1243, https://doi.org/10.1002/jcsm.13243
Cruz-Jentoft, A. J., Bahat, G., Bauer, J., Boirie, Y., Bruyère, O., Cederholm, T., Cooper, C., Landi, F., Rolland, Y., Sayer, A. A., Schneider, S. M., Sieber, C. C., Topinkova, E., Vandewoude, M., Visser, M., Zamboni, M. & Ewgsop, W. G. F. T. E. W. G. O. S. I. O. P. 2. A. T. E. G. F. (2019). Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age And Ageing, 48(4), 601. https://doi.org/10.1093/ageing/afz046
Hoffman, K., Gillespie, P. & Smith, C. (2026). Impact of Glucagon-Like Peptide-1/Glucose-Dependent Insulinotropic Polypeptide Therapy and Nutrition Counseling on Body Composition. Journal Of Nutrition, 156(7), 101618. https://doi.org/10.1016/j.tjnut.2026.101618
Jensen, S. B. K., Blond, M. B., Sandsdal, R. M., Olsen, L. M., Juhl, C. R., Lundgren, J. R., et al. (2024b). Healthy weight loss maintenance with exercise, GLP-1 receptor agonist, or both combined followed by one year without treatment: A post-treatment analysis of a randomised placebo-controlled trial. eClinicalMedicine, 69, 102475. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2024.102475
Jensen, S. B. K., Sørensen, V., Sandsdal, R. M., Lehmann, E. W., Lundgren, J. R., Juhl, C. R., et al. (2024a). Bone health after exercise alone, GLP-1 receptor agonist treatment, or combination treatment: A secondary analysis of a randomized clinical trial. JAMA Network Open, 7(6), e2416775. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.16775
Kokura, Y., Ueshima, J., Saino, Y., & Maeda, K. (2024). Enhanced protein intake on maintaining muscle mass, strength, and physical function in adults with overweight/obesity: A systematic review and meta-analysis. Clinical nutrition ESPEN, 63, 417–426. https://doi.org/10.1016/j.clnesp.2024.06.030
Lang, J. J., Prince, S. A., Merucci, K., Cadenas-Sanchez, C., Chaput, J. P., Fraser, B. J., Manyanga, T., McGrath, R., Ortega, F. B., Singh, B., & Tomkinson, G. R. (2024). Cardiorespiratory fitness is a strong and consistent predictor of morbidity and mortality among adults: an overview of meta-analyses representing over 20.9 million observations from 199 unique cohort studies. British journal of sports medicine, 58(10), 556–566. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-107849
Lundgren, J. R., Janus, C., Jensen, S. B. K., Juhl, C. R., Olsen, L. M., Christensen, R. M., et al. (2021). Healthy weight loss maintenance with exercise, liraglutide, or both combined. The New England Journal of Medicine, 384(18), 1719–1730. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2028198
Wang, Y., Luo, D., Liu, J., Song, Y., Jiang, B. & Jiang, H. (2023). Low skeletal muscle mass index and all-cause mortality risk in adults: A systematic review and meta-analysis of prospective cohort studies. PLoS ONE, 18(6), e0286745. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0286745



