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Gewichtszentriert vs. Gewichtsneutral

5. Apr. 2025
14 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Aug.

Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem: Warum weg vom gewichtszentrierten Ansatz?




Unser Gesundheitssystem hat lange Zeit auf Gewichtsreduktion als Allheilmittel gesetzt. Ein höheres Körpergewicht bzw. Adipositas gilt als etablierter Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen – entsprechend wird üb*rgewichtigen oder ad*pösen Menschen häufig geraten: „Nimm ab, dann wirst du gesünder.“ Doch immer mehr Forschung zeigt, dass ein rein gewichtszentrierter Ansatz nicht nur wenig nachhaltig ist, sondern auch unerwünschte Nebenwirkungen haben kann (Bacon & Aphramor, 2011).


Albert Stunkard, Psychiater und Erstbeschreiber der Binge-Eating-Störung und des Night-Eating-Syndroms, hat 1958 Folgendes veröffentlich:


"Most obese persons will not stay in treatment for obesity. Of those who stay in treatment, most will not lose weight, and of those who do lose weight, most will regain it." (Stunkard, 1958)


Seit über 60 Jahren wissen wir also, dass Menschen die Adipositas-Behandlung oft abbrechen. Die die nicht abbrechen, nehmen oft nicht ab. Und die, die abnehmen, nehmen oft wieder zu.


Die GLP-1 Abnehmmedikamente bringt mittlerweile neue medizinische Möglichkeiten für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen abnehmen sollten, bzw. deren individuelle Fettspeichergrenze stoffwechselrelevat überschritten wurde. Dennoch gibt es in unserer Gesellschaft die völlig verzerrte Wahrnehmung, dass jeder dickere Mensch ungesund oder Hochrisikopatient ist und abnehmen muss - und genau das bringt viele Schwierigkeiten mit sich.


Ein Umdenken hin zu einem gewichtsneutralen Ansatz – der Gesundheit unabhängig vom Körpergewicht fördert – könnte daher ein wichtiger Paradigmenwechsel sein. In diesem Artikel erklären wir verständlich und wissenschaftlich fundiert, warum ein solcher Wandel sinnvoll sein kann.

 

Probleme des gewichtszentierten Ansatzes

 

Ein Gesundheitsansatz, der das Körpergewicht in den Mittelpunkt stellt, bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Besonders drei Begriffe stehen dabei im Fokus: GewichtsstigmaWeight Bias (Gewichtsvorurteile) und Weight Cycling (Jo-Jo-Effekt). Was sich dahinter verbirgt und weshalb das so problematisch ist, erfährst du in diesem Artikel.

 

Anmerkung: Der Begriff „Mehrgewicht“ wird verwendet, um neutral und wertfrei über Körpervielfalt zu sprechen – im Gegensatz zu Begriffen wie „Übergewicht“ oder „Adipositas“, die medizinisch aufgeladen und oft pathologisierend wirken. „Über-“ setzt voraus, dass es ein „richtiges“ oder „normales“ Gewicht gibt – dabei ist Körpergewicht individuell und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Viele Betroffene empfinden diese Begriffe als stigmatisierend. Wörter wie „dick“ oder „fett“ werden zunehmend selbstbestimmt und empowernd verwendet – als Teil einer Bewegung, die Sprache zurückerobert und entmystifiziert. Entscheidend ist dabei immer der Kontext und ob die Begriffe diskriminierend oder respektvoll gemeint sind.

 

Gewichtsstigma und Weight Bias:  Damit ist die Stigmatisierung und Voreingenommenheit gegenüber Menschen aufgrund ihres Gewichts gemeint. Mehrgewichtige Personen erfahren oft negative Zuschreibungen – etwa sie seien undiszipliniert oder selbst schuld an ihren Gesundheitsproblemen. Diese Vorurteile sind weit verbreitet. (Bacon & Aphramor, 2011)

Gewichtsstigma hat nachweislich schädliche Auswirkungen: Es führt zu sozialer Ausgrenzung, Stress und schlechterem seelischen Wohlbefinden. Studien zeigen sogar, dass Gewichtsstigma die Gesundheit direkt beeinträchtigen kann – es ist mit erhöhter Sterblichkeit und mehr chronischen Krankheiten assoziiert, unabhängig vom Body Mass Index (BMI) (Tomiyama, 2018).

Ironischerweise trägt das Stigma selbst wiederum zu weiterer Gewichtszunahme bei: Wer sich ausgegrenzt oder beschämt fühlt, neigt eher zu Stressessen und gibt gesunde Gewohnheiten auf. (Tomiyama, 2018)

 

Besonders alarmierend: Gewichtsvorurteile „Weight Bias“ existieren auch im Gesundheitswesen. Viele Betroffene berichten von respektlosen Kommentaren oder geringerer Untersuchungsbereitschaft aufgrund ihres Gewichts. Tatsächlich sind Gewichtsvorurteile unter Ärzt*innen und Pflegepersonal gut belegbar – was dazu führt, dass adipöse Patient*innen oft schlechtere Behandlung und schlechtere gesundheitliche Ergebnisse erhalten. (Tomiyama, 2018) Dieses doppelte Stigma (gesellschaftlich und medizinisch) kann dazu führen, dass mehrgewichtige Menschen aus Angst vor Beschämung und unzureichender Behandlungserwatung Arztbesuche meiden – ein Teufelskreis, der ihre Gesundheit weiter belastet.

 

Weight Cycling (Jo-Jo-Effekt): Die meisten Diäten führen zwar kurzfristig zu Gewichtsverlust, doch auf lange Sicht halten ihn die wenigsten. Viele nehmen nach einiger Zeit wieder zu – nicht selten mehr als zuvor. Dieses wiederholte Abnehmen und Zunehmen nennt man Jo-Jo-Effekt. Es ist kein Randphänomen: Schätzungen zufolge erreichen viele Abnehmwillige nach 3–5 Jahren wieder ihr ursprüngliches Gewicht. (Suárez et al., 2024) Mindestens die Hälfte aller Menschen mit Adipositas erlebt solche Gewichtsschwankungen, sofern sie nicht dauerhaft extreme Lebensstiländerungen aufrechterhalten. Ein Faktor, der diesen Trend ebenfalls beeinflusst, ist die Darm-Hirn-Achse, die das Gewicht durch die Ausschüttung von Hormonen beeinflusst (Suárez et al., 2024). Bis zu zwei von drei Personen nehmen nach Diäten mehr zu, als sie abgenommen haben. (Mann et al., 2007)

 

Dieses Weight Cycling ist nicht nur frustrierend, sondern wurde lange Zeit auch als potentiell gesundheitsschädigend bezeichnet. Eine Meta-Analyse mit über 440.000 Menschen fand ein erhöhtes Risiko für viele Faktoren, die allein dem Körpergewicht zugeschrieben wurden, beispielsweise verfrühte Sterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhten Blutdruck. Eine Ursachen-Wirkung wurde damit nicht belegt. (Zou et al., 2019)


Ein strikter Fokus auf das Gewicht kann unbeabsichtigt das Gegenteil bewirken. Statt langfristig dünnere, gesündere Körper zu schaffen, führt er häufig zu Essens- und Körperfixierung, Rückfällen im Gewicht, Frustration, niedrigem Selbstwertgefühl und sogar Essstörungen. (Bacon & Aphramor, 2011)


Ein Personal Review, der 2026 veröffentlicht wurde, stellt die potentiell (körperlich) gesundheitsschädigende Ursachen-Wirkung von Weight Cycling in Frage. Er beschreibt, dass es mitunter an einer "Reverse Causality" liegen könnte - Das bedeutet: man denkt, A verursacht B – tatsächlich kann aber B (mit-)verursachen, dass A entsteht. Das ist eine neue These, die für Menschen, die abnehmen wollen, viel verändern kann. (Magkos & Stefan, 2026)


Schwächen dieser Publikation sind allerdings, dass es sich um einen narrativen, keinen systematischen Review handelt - das heißt, welche Studien zur Bewertung herangezogen werden, ist nicht streng geregelt und deutlich stärker von der Autoren-Meinung abhängig. Es fehlen dadurch einige Qualitätskriterien.


Was ebenfalls eine deutliche Schwäche ist: die Autoren geben als mögliche Interessenskonflikte an, dass sie Forschungsförderung bzw. Beratungshonorare von Pharmaunternehmen erhalten haben, die beispielsweise Abnehmspritzen herstellen (zum Beispiel Novo Nordisk & Lilly). Das muss nicht per se ein Bias sein. Doch gerade mit der Annahme, dass intermittierendes Abnehmen langfristig gesundheitliche Vorteile bringen könnte, ist es ein wichtiger Hinweis.


Zusammengefasst kann hier gesagt werden, dass wir nach diesem Personal Review mehr Forschung mit besserer Studienqualität brauchen, die genau diesen kausalen Zusammenhang widerlegen oder bestätigen kann.

 


 

Gesundheitliche Folgen des Gewichts-Fokus

Welche konkreten gesundheitlichen Konsequenzen hat es, wenn Menschen und das Gesundheitssystem ihren Erfolg primär auf die Waage stellen? Einige wurden oben schon angedeutet:


1. Psychische Auswirkungen: Ein anhaltender Fokus auf das Gewicht kann die mentale Gesundheit erheblich beeinträchtigen. Viele Menschen entwickeln ein tiefsitzendes Gefühl des Versagens, wenn die Kilos zurückkehren. Die ständige Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper zehrt am Selbstwertgefühl. Depressionen und Angststörungen können durch diese negative Selbstwahrnehmung begünstigt werden. Hinzu kommt die allgegenwärtige Botschaft „schlank = gesund/attraktiv“, die sozialen Druck erzeugt. Studien haben gezeigt, dass Gewichtsstigma zu chronischem Stress führt – der Körper schüttet etwa verstärkt Cortisol aus, was wiederum die psychische und körperliche Gesundheit beeinträchtigt. (Tomiyama, 2018) Dieser Stress kann emotionales Essen fördern und so einen Kreislauf aus Frust und Überessen befeuern. (Tomiyama, 2018) Nicht selten rutschen Betroffene in Essstörungen: Zum Beispiel kann eine harmlose Diät die Abkürzung zu Binge-Eating-Disorder (Essanfälle) oder Bulimie sein, gefördert durch den Mix aus Hungerphasen, Kontrollverlust und Schamgefühlen. Viele Studien warnen explizit, dass der Gewichtsverlust-Fokus mit erhöhtem Risiko für gestörtes Essverhalten und Essstörungen einhergeht. (Bacon & Aphramor, 2011) Gerade junge Menschen, die früh zum Kalorienzählen angehalten werden, entwickeln häufiger ungesunde Beziehungen zum Essen.

 

2. Physische Belastungen: Wie oben beschrieben sehen wir, dass manche Menschen nach Gewichtsreduktionsversuchen schlechter dastehen, als davor. Was die genaue Ursache ist, muss untersucht werden. Fakt ist aber: egal ob das Weight Cycling an sich die größere Gewichtszunahme auslöst oder verhaltenspsychologische Faktoren wie verstärktes Emotionales Essen und eine "Ist-eh-schon-egal"-Mentalität: (und das ist eine These aus meiner jahrelangen Beratungspraxis als Ernährungstherapeutin im Bereich Essstörungen und gestörtes Essverhalten) viele Menschen wären nie so dick geworden, wenn es von Anfang an um gesundes Verhalten gegangen wäre, nicht um Gewichtsverlust um jeden Preis.

 

3. Vernachlässigung anderer Gesundheitsfaktoren: Wenn Gewicht zur einzigen Messgröße für Gesundheit wird, geraten andere wichtige Aspekte in den Hintergrund. Menschen fühlen sich vielleicht kerngesund – bewegen sich regelmäßig, essen ausgewogen –, haben aber trotzdem einen höheren BMI. Ein rein gewichtsorientierter Ansatz würde ihre Erfolge ignorieren und nur die Zahl auf der Waage bewerten. Umgekehrt können Menschen mit „Normalgewicht“ ungesunde Gewohnheiten haben, die übersehen werden, solange ihr BMI im Normbereich liegt. Die Fixierung auf Gewicht kann also von den eigentlichen gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen ablenken. (Bacon & Aphramor, 2011) Zudem führt sie im Gesundheitswesen dazu, dass Ärzt:innen bei mehrgewichtigen Patient:innen Symptome vorschnell aufs Gewicht schieben („Nehmen Sie erstmal ab, dann sehen wir weiter“), statt andere Ursachen abzuklären. So bleiben Krankheiten unter Umständen länger unentdeckt. Insgesamt kann man sagen: Wer nur auf Gewichtsreduktion als Ziel schaut, ignoriert die komplexen Einflussfaktoren von Gesundheit – von Bewegung über Ernährung bis hin zu Stressbewältigung und sozialer Unterstützung.

 

Angesichts dieser Folgen wird deutlich, warum viele Fachleute einen Kurswechsel fordern. Selbst der Lancet, eins der ältesten und renommiertesten Wissenschaftsmagazine der Welt hat 2021 einen Call for papers veröffentlicht und um mehr gewichtsneutrale Forschung gebeten (Flint & Colosio, 2021).


Wenn Patient:innen nach dem x-ten Abnehmversuch deprimierter, schwerer und potentiell ungesünder dastehen als zuvor, läuft offensichtlich etwas falsch. Und wenn das so viele Personen betrifft, können wir auch nicht länger behaupten, dass alle selbst Schuld sind.

 

Was ist ein gewichtsneutraler Ansatz?

Ein gewichtsneutraler Ansatz bedeutet, Gesundheit unabhängig vom Körpergewicht zu betrachten. Das bekannteste Konzept in diesem Bereich ist Health at Every Size (HAES), zu Deutsch etwa „Gesundheit bei jedem Gewicht“ – und nicht etwas „Gesund bei jedem Gewicht“ bedeutet. Dieser Ansatz wurde entwickelt, weil beobachtet wurde, dass der Diätkultur- und Schlankheitswahn mehr schadet als nützt. (Tylka et al., 2014) Die Grundidee: Menschen haben unterschiedliche Körperformen und -größen, und alle verdienen Respekt und bestmögliche gesundheitliche Unterstützung – egal, was die Waage anzeigt.

 

Wichtige Prinzipien eines gewichtsneutralen Ansatzes sind:

 

1.     Gewicht ist nur ein allgemeiner Gesundheitsmaßstab: Statt Gewicht oder BMI als Maßstab für Gesundheit zu nehmen, wird der Fokus direkt auf konkrete gesundheitliche Parameter gelegt. Der Ansatz lehnt die Gleichsetzung „dick = ungesund“ ab, ohne die Risiken von extrem hohem oder geringem Gewicht zu ignorieren.


Entscheidend ist auch: Gewicht wird als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Genen, Umwelt und Verhalten gesehen – nicht bloß als Produkt von Willenskraft. (Tylka et al., 2014)


Dr. Itariu (Internistin, Endokrinologin und Präsidentin der Adipositas Gesellschaft in Österreich) und Dr. Johanna Maria Brix (Fachärztin für Innere Medizin, ehem. Präsidentin der Adipositas Gesellschaft Österreich und Leiterin der Adipositas Akademie) schreiben in ihrem Buch:


"Die alleinige Berücksichtigung des BMI zur Einschätzung des Körpergewichts genügt nicht. Denn bis zu 30 % aller Menschen mit einem BMI im Adipositas-Bereich sind ansonsten gesund und circa ein Viertel aller schlanker Menschen können sehr wohl eine erhöhte oder nicht gut funktionierende Fettmasse haben, die sie krank macht. Jedes andere diagnostische Instrument, bei dem bis zu einem Drittel falsch positiv und ein Viertel falsch negativ ausfällt, würde in der Medizin als schwach, schwammig, gar inakzeptabel bewertet werden. Der BMI birgt erhebliche Risiken sowohl für die betroffenen Patient*innen als auch für das Gesundheitssystem. Es führt zu unnötigem Behandlungsdruck, erhöhter psychischer Belastung und sozialer Stigmatisierung der falsch-positiv diagnostizierten Menschen. Gleichzeitig erhalten falsch-negativ getestete Personen (die schlank gelesen werden, aber eigentlich einen nicht gut funktionierenden Stoffwechsel haben) möglicherweise keine rechtzeitige Diagnose und Therapie, was zu einer Verschlimmerung ihrer Erkrankung mit potenziell gefährlichen Folgen führen kann."


Daher gilt es als unfair und unwirksam, Menschen rein über ihr Gewicht zu beurteilen. Gesundheit soll für alle Körpergrößen möglich sein, und Verbesserung der Gesundheit kann unabhängig von Gewichtsveränderungen stattfinden.

 

2.     Fokus auf gesundheitsfördernde Verhaltensweisen: Anstatt Kalorien und Kilos zu zählen, ermutigt der gewichtsneutrale Ansatz zu nachhaltigen Lebensstiländerungen, die Wohlbefinden fördern. Dazu gehören ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, Stressreduktion, genügend Schlaf und Selbstfürsorge. Das Ziel ist, Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hohe Blutzucker- oder Cholesterinwerte direkt anzugehen – durch Ernährungstherapie oder Bewegung – auch wenn sich am Gewicht nichts oder nur wenig ändert. Wichtig: Hierbei gibt es keinen Endpunkt Idealsegment; jede kleine Verbesserung im Verhalten wird als Erfolg gewertet, selbst wenn die Person weiterhin mehrgewichtig bleibt. Studien untermauern diesen Ansatz, denn viele Gesundheitsparameter lassen sich direkt verbessern, ohne dass eine Gewichtsabnahme erforderlich ist. (Gaesser & Angadi, 2021)


Die World Obesity Federation schreibt in einem Statement Paper:

"Empfehlungen, um Gewichtsstigmatisierung zu reduzieren:

(5) Setze auf gewichtsneutrale Gesundheitsförderung. Da gegenwärtige Narrative, die Gewicht und Körpergröße mit Gesundheit gleichsetzen, zur Gewichtsstigmatisierung beitragen, sollten sich Strategien der Gesundheitsförderung auf gesundheitliche Ergebnisse statt auf das Gewicht konzentrieren.


Es braucht eine Abkehr vom Fokus auf Gewicht, Gewichtsabnahme und einer vorab festgelegten Vorstellung eines „gesunden Gewichts“ (basierend auf dem BMI) hin zu einem ganzheitlichen Fokus auf Gesundheit und Wohlbefinden eines Menschen – unabhängig von dessen Gewicht oder Körpergröße." (Nutter et al., 2023)"

 

3.     Respektvolle, diskriminierungssensible Versorgung: Ein gewichtsneutraler Ansatz bemüht sich aktiv darum, Gewichtsstigma abzubauen. Das heißt, Gesundheitsdienstleister sollen Vorurteile hinterfragen und alle Patient*innen gleich ernst nehmen – ob dünn oder dick. Praktisch bedeutet das z.B., in Kliniken Blutdruckmanschetten bereitzuhalten, die für dicke Menschen geeignet sind, oder sensible Sprache zu verwenden. Es geht darum, Größe und Körpervielfalt zu akzeptieren und die Gesundheit der einzelnen Person in den Vordergrund zu stellen, nicht gesellschaftliche Schönheitsideale. Der gewichtsneutrale Ansatz betont ausdrücklich ethische Prinzipien wie Non-Maleficence (nicht schaden) und Beneficence (Gutes tun) – sprich, Maßnahmen sollen helfen, ohne neue Schäden wie Stigmatisierung zu verursachen. (Tylka et al., 2014)

 

Das führt zu einer empathischeren Betreuung: Anstatt jemanden zu drängen, „endlich abzunehmen“, bespricht man lieber gemeinsam, wie Blutdruck oder Gelenkschmerzen gelindert werden können – mit Maßnahmen, die Patient:innen auch umsetzen langfristig können und die nicht an schnelles Gewicht verlieren geknüpft sind.

 

4.     Intuitives Essen statt Diäten: Ein Kernaspekt von gewichtsneutraler Gesundheitsförderung ist Intuitives Essen, also das Vertrauen auf die eigenen Körpersignale beim Essen. Statt strengen Diätplänen oder Kalorienzählen lernen Menschen, auf Hunger- und Sättigungsgefühle zu achten und alle Lebensmittel in Maßen zu genießen, ohne sie in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Die Idee dahinter: Der Körper reguliert das Gewicht weitgehend selbst, wenn man ihm gibt, was er braucht, und aufhört, wenn man satt ist. Studien zeigen, dass intuitives Essen mit besserer psychischer Gesundheit und weniger gestörtem Essverhalten einhergeht. (Tylka et al., 2014)


Intuituives Essen wurde in über 125 Studien wissenschaftlich untersucht: https://www.evelyntribole.com/wp-content/uploads/Intuitive-Eating-and-Selected-Studies-2022.pdf


Zusammenfassung der Ergebnisse: verbunden mit



Menschen, die nach ihren inneren Signalen essen, haben z.B. weniger Essanfälle und fühlen sich wohler in ihrem Körper. Gewichtsneutrale Gesundheitsförderung bietet Strategien, wie man nach Jahren der Diäten wieder zum Körpervertrauen zurückfindet.

 

5.     Freude an Bewegung: Während im gewichtsorientierten Ansatz Sport oft als Mittel zum Kalorienverbrennen und Abnehmen propagiert wird („no pain, no gain“), setzt der gewichtsneutrale Ansatz auf Spaß an körperlicher Aktivität. Jeder Mensch sollte eine Form der Bewegung finden, die ihm oder ihr liegt – sei es Tanzen, Spazierengehen, Schwimmen oder Gartenarbeit. Bewegung wird hier nicht als Strafe fürs Essen gesehen, sondern als Bereicherung für den Alltag, die Fitness, Kraft und Stimmung verbessert. Forschung unterstützt diesen Zugang: Körperliche Aktivität aus Freude, nicht Zwang, führt eher dazu, dass Menschen langfristig dabeibleiben, und verbessert nachweislich Wohlbefinden und Körperbild. (Tylka et al., 2014) Es geht also darum, einen aktiven Lebensstil zu fördern, ohne den ständigen Druck der Waage. Ein mehrgewichtiger Mensch, der regelmäßig Fahrrad fährt, gesund kocht und Spaß daran hat, tut enorm viel für seine Gesundheit – unabhängig davon, ob er signifikant Gewicht verliert. Gewichtsneutrale Gesundheitsförderung würde sagen: Diese Person lebt gesund, egal was der veraltete Body Mass Index meint.

 

Zusammengefasst zielt ein gewichtsneutraler Ansatz darauf ab, Gesundheitsverhalten und Selbstakzeptanz in den Vordergrund zu stellen, anstatt Gewichtsziele. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz: körperliche Gesundheit, psychisches Wohlbefinden und soziale Faktoren (wie Stigmavermeidung) werden gleichermaßen berücksichtigt. Wichtig: „Gewichtsneutral“ heißt nicht, dass Gewicht völlig unwichtig wäre oder dass extrem hohes oder geringes Gewicht keine Risiken birgt. Es heißt nur, dass Gewichtsabnahme nicht das primäre Ziel ist. Stattdessen wird angenommen: Wenn Menschen gesund leben und gut betreut werden, pendelt sich ihr Körpergewicht dort ein, wo es individuell richtig ist. Wenn es zusätzlich medikamentöse Unterstützung braucht, darf das natürlich auch sein.

 

Wissenschaftliche Belege für den gewichtsneutralen Ansatz

Ein Paradigmenwechsel weg vom Gewichtsfixierung braucht natürlich belastbare Belege. Tatsächlich gibt es inzwischen einige Studien, RCTs (randomisiert-kontrollierte Studien) und Metaanalysen, die den gewichtsneutralen Ansatz unterstützen. Hier einige wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse:

 

1.     Verbesserte körperliche Gesundheitswerte: Mehrere randomisierte Studien haben gezeigt, dass gewichtsneutrale Programme ohne Gewichtsverlust klinisch relevante gesundheitliche Verbesserungen erzielen können. Teilnehmerinnen eines gewichtsneutralen Programms zeigten z.B. gesunkene Blutdruck- und Cholesterinwerte, verbesserte Blutzuckerwerte und Entzündungsmarker – vergleichbar mit den Effekten klassischer Gewichtsreduktionsprogramme. (Bacon & Aphramor, 2011)

Ein Review fasst zusammen, dass die meisten kardiometabolischen Risikofaktoren (vom Blutzucker bis zu den Blutfetten) durch Ernährung und Bewegung verbessert werden können, selbst wenn das Gewicht stabil bleibt (Gaesser & Angadi, 2021).

Mit anderen Worten: Man kann fitter und gesünder werden, ohne zwangsläufig leichter zu werden. Wichtig ist was man tut, nicht was die Waage sagt. Langzeitstudien deuten zudem an, dass solche verhaltensorientierten Verbesserungen oft nachhaltiger sind – weil Leute ihre Gewohnheiten beibehalten, statt nach einer crash-Diät in alte Muster zurückzufallen.

 

2.     Fitness zählt wahrscheinlich mehr als Fettmasse: Menschen, die als fit eingestuft wurden, hatten in einer Meta-Analyse und einem Systematischen Review unabhängig von ihrem BMI kein statistisch signifikant höheres Risiko für Herz-Kreislauf- oder Gesamtmortalität als fitte Menschen im sogenannten Normalgewichtsbereich. Im Gegensatz dazu hatten unfitte Menschen in allen BMI-Kategorien ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- und Gesamtmortalität im Vergleich zu fitten Menschen im Normalgewichtsbereich. (Nathan, 2024)


Auch eine Steigerung von Bewegung oder Fitness war in Kohortenstudien konsistent mit einer geringeren Mortalität assoziiert, teils unabhängig von Gewichtsveränderungen. Eine Meta-Analyse von 31 Lifestyle-RCTs mit intentionaler Gewichtsabnahme fand dagegen keine statistisch signifikante Reduktion der Gesamtmortalität. Da diese Interventionen jedoch auch Veränderungen der Ernährung und/oder Bewegung beinhalteten, lässt sich daraus kein isolierter Effekt der Gewichtsabnahme selbst ableiten. Insgesamt zeigte die im Review dargestellte Evidenz keine konsistente Reduktion der Mortalität durch intentionale Gewichtsabnahme. (Gaesser & Angadi, 2021)


Insgesamt sprechen die Befunde dafür, Bewegung und Fitness stärker als eigenständige Gesundheitsziele zu betrachten, statt Gewichtsverlust zum primären Erfolgsmaßstab zu machen. (Gaesser & Angadi, 2021)

 

3.     Psychisches Wohlbefinden und Verhalten: Gewichtsneutrale Interventionen führen nicht nur zu körperlichen, sondern auch zu psychosozialen Verbesserungen. Randomisierte Studien berichten von höherer Lebensqualität, weniger Depressionssymptomen und gesteigertem Selbstwertgefühl bei gewichtsneutralen Teilnehmer:innen im Vergleich zu herkömmlichen Diätgruppen. (Suárez et al., 2024) (Bacon & Aphramor, 2011)

 

Insbesondere das Verhältnis zum Essen normalisiert sich: Durch intuitive Ernährungsansätze reduzieren sich Heißhungerattacken und Essanfälle, die Betroffenen entwickeln ein entspannteres Essverhalten und bessere Wahrnehmung von Sättigung. (Suárez et al., 2024)

 

Auch Körperbild und Selbstakzeptanz verbessern sich messbar, weil der Druck des unrealistischen Schönheitsideals genommen wird. (Bacon & Aphramor, 2011) Diese psychologischen Vorteile sind enorm wichtig – denn eine gute mentale Gesundheit unterstützt wiederum die körperliche Gesundheit.

 

Die wissenschaftlichen Belege zugunsten eines gewichtsinklusiven Ansatzes sind mittlerweile so stark, dass Fachleute von einem notwendigen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik sprechen (Bacon & Aphramor, 2011).

 

Anstatt Ressourcen in immer neue Diätprogramme oder öffentliche Schlankheitskampagnen zu stecken, sollten wir Maßnahmen fördern, die für alle Gewichtsgruppen Gesundheit bringen – z.B. Bewegungsprogramme, Ernährungsbildung ohne Diätdruck, und Anti-Stigma-Initiativen im Gesundheitswesen.


Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mahnt, dass Gewichtsdiskriminierung ein ernstes Hindernis im Kampf gegen chronische Krankheiten ist und abgebaut werden muss, um Gesundheitsgerechtigkeit zu erreichen. (WHO, 2017)

 

Fazit

Ein Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem hin zu einem gewichtsneutralen Ansatz ist nicht nur aus ethischer Sicht (Würde und Respekt für alle Patient:innen) wünschenswert, sondern auch wissenschaftlich begründet. Der gewichtsorientierte Ansatz hat Probleme wie Stigma und limitierte Nachhaltigkeit, während ein Fokus auf Verhalten und ganzheitliche Gesundheit bessere Resultate erzielen könnte. Gesundheit ist mehr als eine Zahl auf der Waage. Indem wir das anerkennen und den Menschen helfen, ohne Scham und Diätzwang gesundheitsförderliche Gewohnheiten zu entwickeln, können wir tatsächlich für Gesundheit bei jedem Gewicht sorgen.

 

Damit würde der Druck von den Einzelnen genommen, ständig gegen ihren Körper zu kämpfen. Stattdessen können sie lernen, mit ihrem Körper für ihre Gesundheit zu arbeiten. Ein solcher Wandel erfordert zwar ein Umdenken bei Ärzt:innen, Politik und Gesellschaft – aber die potenziellen Gewinne an Lebensqualität und Gesundheit machen ihn zu einem lohnenden Ziel.

 

 

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Quellen

 

Bacon, L., & Aphramor, L. (2011). Weight science: Evaluating the evidence for a paradigm shift. Nutrition Journal, 10, 9. https://doi.org/10.1186/1475-2891-10-9

 

Flint, S. W. & Colosio, A. (2021). Reframing obesity health care from policy to practice: a call for papers. EClinicalMedicine43, 101256. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2021.101256

 

Gaesser, G. A., & Angadi, S. S. (2021). Obesity treatment: Weight loss versus increasing fitness and physical activity for reducing health risks. iScience, 24(10), 102995. https://doi.org/10.1016/j.isci.2021.102995


Magkos, F., & Stefan, N. (2026). Is weight cycling clinically harmful?. The lancet. Diabetes & endocrinology, 14(7), 594–607. https://doi.org/10.1016/S2213-8587(26)00037-9

 

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Itariu, B. & Brix, J. (2025). Das Gewicht unserer Körper: über Bodyshaming in der Medizin - und warum Mitgefühl und Respekt wichtiger sind als Abnehmtipps.


World Health Organization (WHO), Regional Office for Europe (2017). Weight bias and obesity stigma:

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