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Teure Spritze oder Kassenrezept? So kann eine ADHS-Diagnose tausende Euro sparen

Isabel Bersenkowitsch • Diätologin • Gewichtsneutrale Wissenschaft


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„Abnehmspritzen“ sind gerade in aller Munde. Medikamente wie Semaglutid (GLP-1-Rezeptor-Agonist) oder Tirzepatid (dual GIP/GLP-1-Agonist) werden als Gamechanger der Adipositastherapie bezeichnet. Sie haben außerdem weitere interessante, potentielle Einsatzgebiete, die momentan stark erforscht werden, zum Beispiel bei Demenz- oder Suchterkrankungen.


Studien zeigen eindrückliche Ergebnisse: im Schnitt verlieren Teilnehmer:innen ~15 % (Semaglutid) bis ~20 % (Tirzepatid) ihres Körpergewichts über 68–72 Wochen (Wilding et al., 2021)(Alkhezi et al., 2023) - lies mehr über die gewichtsneutrale Perspektive in meinem Artikel “Abnehmspritze - Hoffnung, Hype und Fakten, über die niemand spricht”.


Aber: in Deutschland gelten GLP-1-Mittel für „Gewichtsregulation“ rechtlich als Lifestyle-Arzneimittel – sie sind von der GKV-Erstattung ausgeschlossen (Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), 2024). In Österreich ist die Situation ähnlich: keine Regelfinanzierung außerhalb der Erstattungskodex-Liste, Einzelfälle werden nur restriktiv bewilligt (Österreichische Gesundheitskasse, 2025).



Die Frage ist also: Muss es wirklich sofort die Abnehmspritze sein?

Nicht jede Adipositas ist gleich. Meine Perspektive: Gerade bei Menschen mit ADHS kann eine ursächliche Behandlung oft wirksamer – und nachhaltiger – sein.


ADHS und Essverhalten: Dopamin und Impulskontrolle


ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eng mit Veränderungen im Dopamin-System verbunden, das Motivation, Belohnungsverarbeitung und Impulskontrolle steuert (Da Silva et al., 2023) Die Folge: eine starke Vorliebe für schnelle Belohnungen – und genau das liefern energiedichte Lebensmittel.


Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetamine erhöhen die synaptische Verfügbarkeit von Dopamin/Noradrenalin. (Faraone et al., 2024) 

Ergebnis: bessere Impulskontrolle, inklusive weniger Essdrang.



„Food Noise“ – wenn Essen im Kopf nicht aufhört

Vielleicht hast du den Begriff „food noise“ schon einmal gehört.Dahinter steckt nichts anderes als aufdringliche Gedanken an Essen, die Betroffene als belastend erleben. 2025 wurde der Begriff wissenschaftlich definiert (Dhurandhar et al., 2025)


Gerade Menschen mit ADHS – durch erhöhte Ablenkbarkeit und Impulsivität – sind besonders anfällig für solche Gedanken. Die Folge: Hungern, dann Binge-Episoden und Kontrollverlust.


Häufigkeit: ADHS und Adipositas

Erwachsene mit ADHS haben eine ~55 % höhere Adipositasrate als Menschen ohne ADHS (Cortese et al., 2016) 


Medikamente im Vergleich


GLP-1-Agonisten

Diese Medikamente imitieren Darmhormone, verzögern die Magenentleerung, fördern Sättigung und modulieren Appetitkreise im Gehirn. 


Ja, sie senken das Gewicht und haben positive Effekte auf Stoffwechselparameter. Aber: Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall sind häufig, besonders zu Beginn. (Zheng et al., 2024)


ADHS-Medikamente

Stimulanzien sind die First-Line-Therapie bei ADHS – und ihr „Nebeneffekt“ ist oft genau das, was bei Food Noise bedingtem Mehrgewicht gebraucht wird: weniger Appetit, weniger Impulsessen. 


In Langzeitbeobachtungen zeigte sich bei rund 20 % der Patient:innen eine verminderte Appetitwahrnehmung, was häufig mit einer gewissen Gewichtsabnahme einhergeht. (Jaeschke et al., 2021) ADHS Medikamente können auch andere unerwünschte Nebenwirkungen haben.


Warum ursachenorientiert besser ist

Wenn ADHS die Wurzel des Problems ist, dann bekämpfen wir mit Stimulanzien die Ursache – nicht nur das Symptom Überessen / Bingen.


Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen ADHS und erhöhter Adipositasrate. (Cortese et al., 2016) Es gibt Hinweise aus einzelnen Beobachtungsstudien, dass eine Behandlung von ADHS das Risiko für eine weitere Gewichtszunahme verringern könnte. Deshalb: erst ADHS abklären / behandeln, dann Medikamente für weitere Appetitsregulation in Betracht ziehen.


Ethische und gesellschaftliche Fragen

Die Pathologisierung von Körpergewicht wirft große Fragen auf: Wer hat Zugang zu teuren Spritzen – und wer nicht? 


Ärzt:innen sollten sich fragen: Liegt die Ursache vielleicht im ADHS?


Wenn ja, ist eine Stimulanzientherapie medizinisch indiziert – und kann gleichzeitig Konzentration, Impulskontrolle und Essverhalten verbessern. (Da Silva et al., 2023; Jaeschke et al., 2021)


Fazit und Ausblick

Mein Plädoyer: Bei Adipositas mit Hinweisen auf Aufmerksamkeits- oder Impulsivitätsprobleme sollte immer eine ADHS-Abklärung erfolgen, bevor eine Abnehmspritze verordnet wird.


Die Behandlung von ADHS kann „food noise“ reduzieren, Essimpulsivität dämpfen – und so sekundär das Gewicht stabilisieren. GLP-1-Agonisten bleiben wichtig, vor allem wenn kein ADHS vorliegt oder andere Therapien nicht ausreichend geholfen haben. 


Wichtig sollte trotzdem bleiben: BITTE schauen wir mehr auf Ursachen und weniger auf Symptome wie Körpergewicht.


Willst du Frieden mit dem Essen schließen?



Quellen

Alkhezi, O. S., Alahmed, A. A., Alfayez, O. M., Alzuman, O. A., Almutairi, A. R., & Almohammed, O. A. (2023). Comparative effectiveness of glucagon‐like peptide‐1 receptor agonists for the management of obesity in adults without diabetes: A network meta‐analysis of randomized clinical trials. Obesity Reviews, 24(3), e13543. https://doi.org/10.1111/obr.13543


Cortese, S., Moreira-Maia, C. R., St. Fleur, D., Morcillo-Peñalver, C., Rohde, L. A., & Faraone, S. V. (2016). Association Between ADHD and Obesity: A Systematic Review and Meta-Analysis. American Journal of Psychiatry, 173(1), 34–43. https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2015.15020266


Da Silva, B. S., Grevet, E. H., Silva, L. C. F., Ramos, J. K. N., Rovaris, D. L., & Bau, C. H. D. (2023). An overview on neurobiology and therapeutics of attention-deficit/hyperactivity disorder. Discover Mental Health, 3(1), 2. https://doi.org/10.1007/s44192-022-00030-1


Dhurandhar, E. J., Maki, K. C., Dhurandhar, N. V., Kyle, T. K., Yurkow, S., Hawkins, M. A. W., Agley, J., Ho, E. H., Cheskin, L. J., Sørensen, T. I. A., Wang, X. R., & Allison, D. B. (2025). Food noise: Definition, measurement, and future research directions. Nutrition & Diabetes, 15(1), 30. https://doi.org/10.1038/s41387-025-00382-x


Faraone, S. V., Bellgrove, M. A., Brikell, I., Cortese, S., Hartman, C. A., Hollis, C., Newcorn, J. H., Philipsen, A., Polanczyk, G. V., Rubia, K., Sibley, M. H., & Buitelaar, J. K. (2024). Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers, 10(1), 11. https://doi.org/10.1038/s41572-024-00495-0


Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). (2024, März 21). G-BA vollzieht den gesetzlichen Verordnungsausschluss für das Abmagerungsmittel Wegovy® nach. https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1170/


Jaeschke, R. R., Sujkowska, E., & Sowa-Kućma, M. (2021). Methylphenidate for attention-deficit/hyperactivity disorder in adults: A narrative review. Psychopharmacology, 238(10), 2667–2691. https://doi.org/10.1007/s00213-021-05946-0


Österreichische Gesundheitskasse. (2025, August 17). Erstattungskodex: Diese Medikamente bezahlt die ÖGK. https://www.gesundheitskasse.at/cdscontent/


Wilding, J. P. H., Batterham, R. L., Calanna, S., Davies, M., Van Gaal, L. F., Lingvay, I., McGowan, B. M., Rosenstock, J., Tran, M. T. D., Wadden, T. A., Wharton, S., Yokote, K., Zeuthen, N., & Kushner, R. F. (2021). Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. New England Journal of Medicine, 384(11), 989–1002. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2032183


Zheng, Z., Zong, Y., Ma, Y., Tian, Y., Pang, Y., Zhang, C., & Gao, J. (2024). Glucagon-like peptide-1 receptor: Mechanisms and advances in therapy. Signal Transduction and Targeted Therapy, 9(1), 234. https://doi.org/10.1038/s41392-024-01931-z

 
 
 

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