Abnehmspritze: Hoffnung, Hype und Fakten, über die sonst niemand spricht
- Isabel Bersenkowitsch

- 16. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Isabel Bersenkowitsch • Diätologin • Gewichtsneutrale Wissenschaft

In den letzten Jahren geistert ein Wort ständig durch Medien und Social Media: „Abnehmspritze“. Gemeint sind Medikamente wie Semaglutid (bekannt als Ozempic® für Diabetes oder Wegovy® für Adipositas), die ursprünglich für Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickelt wurden. Heute werden sie gezielt zur Gewichtsreduktion eingesetzt – und die Studienergebnisse sind aussagekräftig: teils 15-20% Gewichtsverlust – allerdings immer in Kombination mit Lebensstilmodifikationen.
Aber was steckt wirklich dahinter? Wie wirken diese Spritzen? Welche Nebenwirkungen treten auf? Und: Warum ist es so wichtig, sie nicht als Wundermittel zu feiern, sondern reflektiert einzuordnen?
Das alles habe ich in diesem Beitrag bearbeitet.
Wie funktioniert die „Abnehmspritze“?
Die gängigsten Präparate sind GLP-1-Analoga. Sie ahmen das Hormon GLP-1 nach, das normalerweise nach dem Essen ausgeschüttet wird und dem Körper signalisiert: „Du bist satt.“
Die Physiologie:
stärkeres Sättigungsgefühl
weniger Hunger
langsamere Magenentleerung
geringere Kalorienaufnahme (Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2024)
Das alles kann eine große Entlastung für eine bestimmte Personengruppe sein, die unter Food Noise und ähnlichen Symptomen leiden. Wir sollten also auch in der Body Positivity / Body Neutrality Bewegung einsehen, dass es nicht immer um Schönheitsideale geht, sondern dass es jetzt ein Medikament gibt, das die Lebensqualität für bestimmte Betroffene verbessern kann.
Für wen wird die Abnehmspritze empfohlen?
Diese Medikamente sind kein Lifestyle-Hack.
Sie sind verschreibungspflichtig und zugelassen nur für
Erwachsene mit Adip*sitas (BMI ≥30) oder
Üb*rgewicht (BMI ≥27) plus Begleiterkrankungen
und sie müssen ärztlich überwacht werden. (Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2024)
Kritik an der Indikation (Verschreibungsgrund)
1. Gefahr des Missbrauchs
Durch die Fixierung auf den BMI wird das Medikament auch Personen empfohlen, die zwar ein höheres Körpergewicht haben, sich aber gesund und ausgewogen ernähren und kein auffälliges Essverhalten zeigen. Bei diesen Menschen kann die medikamentöse Appetitreduktion schnell in eine Mangelernährung führen – mit allen Risiken wie Nährstoffdefiziten, Müdigkeit und anderen Nebenwirkungen.
2. Unzureichende Beachtung des Essverhaltens
GLP-1-Analoga wirken vor allem über eine Reduktion von Appetit, Food Noise und Portionsgröße. Daher wären sie insbesondere hilfreich für Menschen, die
unter ständigem Essensdrang leiden,
emotional essen,
ihr Sättigungsgefühl nicht richtig spüren
dauerhaft sehr große Portionen benötigen, um satt zu werden
und die trotz begleitender Therapie Schwierigkeiten haben, das alles zu regulieren.
3. Individuelle Anamnese statt BMI-Grenze
Statt den Zugang allein am BMI festzumachen, sollte die qualitative und quantitative Ernährungsanamnese im Vordergrund stehen. Entscheidend ist, wie jemand isst und ob das Medikament tatsächlich dabei helfen kann, belastende Muster zu durchbrechen.
4. Gefahr der Stigmatisierung
Wenn allein das Körpergewicht über die Verschreibung entscheidet, verfestigt das das Bild, dass Dicksein an sich krank ist und medikamentös behandelt werden müsse. Dies kann zu zusätzlicher Stigmatisierung führen und Betroffene unter Druck setzen, auch wenn sie sich bereits gesund verhalten.
Und die Stoffwechselparameter?
Je nach Wirkstoff verbesserten sich metabolische Biomarker im Vergleich zur Placebo-Gruppe (Placebo-Gruppe erhielt nur Therapie ohne Medikament). Auch deshalb werden die Medikamente bei einem erhöhten BMI in Kombination mit einer Stoffwechselkrankheit verschrieben.
Kein Medikament konnte alle wichtigen Risikofaktoren (z. B. Blutzucker, Blutdruck, Cholesterin) gleichzeitig günstig beeinflussen. (Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2024) Die behandelnde Ärzt:in sollte bei der Verschreibung auf Wirkstoff und Nutzen achten.
Häufige Nebenwirkungen: Nicht ohne
Die Kehrseite von all dem: Magen-Darm-Beschwerden.
Viele erleben zu Beginn Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung oder Durchfall. Durch eine niedrige Dosierung und langsame Steigerung zu Beginn kann das oft abgefangen werden. Sollte es dennoch Beschwerden geben, verschwinden diese oft mit der Zeit. (Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2024)
Seltenere, aber ernsthafte Risiken:
Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung)
Gallensteine
mögliche Schilddrüsenveränderungen (Tierdaten, bisher keine klare Bestätigung beim Menschen)
psychische Nebenwirkungen (depressive Symptome, Suizidgedanken – bisher ohne eindeutigen kausalen Zusammenhang – sehr logisch für mich, wenn keine neuen Copingstrategien gelernt werden)
dauerhafte Gastroparese („Magenlähmung“), die aktuell Gegenstand von Klagen in den USA sind (Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2024)
Kritik & Kontroversen
1. Gewichtszunahme nach Absetzen
Nach Beendigung der Therapie kommt oft das Gewicht zurück: In einer Studie hatten Teilnehmende nach 1 Jahr Absetzen rund 2/3 des verlorenen Gewichts wieder zugenommen. (Wilding et al., 2022)
Wenn Körpergewicht oder Adipositas und das damit verbundene Essverhalten als etwas Chronisches gesehen wird, ist das auch sehr logisch, dass das Gewicht und Essverhalten wieder zurückkommt, wenn die Behandlung abgesetzt wird.
Wir sollten hier deshalb nicht vom Jojo-Effekt sprechen, sondern von einer logischen Konsequenz der chronischen Gegebenheiten.
2. Hohe Kosten & keine Kassenleistung
Momentan sind die Kosten sehr hoch. In Deutschland: 180–320 € pro Monat, Österreich: 140- 540 €. Gesetzliche Krankenkassen zahlen aktuell meistens nicht – Betroffene müssen meistens selbst bezahlen.
3.Ungleichheit & Missbrauch
Reiche können sich die Spritze leisten, viele andere nicht – und das obwohl Mehrgewicht und eine schlechtere Gesundheit oft mit geringerem sozioökonomischen Status verbunden ist. Gleichzeitig nutzen manche Menschen ohne Indikation die Medikamente für „Schnell-Abnehmen“, während echte Patient:innen zeitweise unter Lieferengpässen litten.
4.Basaltherapie: Ernährung, Bewegung, Verhalten
Wenn nur das Medikament verschrieben wird, ohne gleichzeitiger Basaltherapie, könnten die gesundheitlichen Vorteile reduziert werden oder ausbleiben. Das Medikament senkt vielleicht die Menge an Nahrung, aber für ein gesundes Leben muss auch am Lebensstil gearbeitet werden, der sich nicht automatisch ändert.
Wurde Essen vor allem als Bewältigungsstrategie genutzt, die dann durch die Medikation einfach wegfällt und in Verhaltenstherapie nicht ersetzt wird, könnte auch das schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit haben.
5. Verstärkte Gewichtszentrierung
Der Fokus auf Gewichtsverlust kann Stigma verstärken, obwohl Studien zeigen: Gesundheit ist mehr als der BMI. Und Gewichtsstigma selbst ist nachweislich gesundheitsschädlich. (Bersenkowitsch, 2025)
Die gewichtsneutrale Perspektive
Medikamente können helfen – aber sie sind keine Lösung für alle. Was langfristig entscheidend ist:
Ernährung, die nährt statt einschränkt
Bewegung, die Spaß macht + die Kardiorespiratorische Funktion
Verhaltenstherapie, Achtsamkeit, Stressbewältigung, Schlafqualität
Studien zeigen: Diese Faktoren verbessern Gesundheit unabhängig vom Gewicht (Bersenkowitsch, 2025) Genau deshalb betonen Fachgesellschaften: Medikamente sind nur eine Ergänzung und ersetzen niemals die Basistherapie (Deutsche Adipositas Gesellschaft, 2024)
Fazit
Die „Abnehmspritze“ hat die Adipositas-Therapie verändert. Sie kann wichtige Effekte zeigen und Betroffene entlasten, aber:
sie ist nicht für alle dicken Menschen empfohlen
Nebenwirkungen sind real
Langzeitstudien gibt es nicht
Kosten sind hoch und
Gewichtsstabilität hängt von der dauerhaften (lebenslanger) Einnahme ab.
Und am allerwichtigsten: Sie verändert nicht automatisch das System, das Mehrgewicht und Essprobleme überhaupt erst befeuern: unverantwortliche Lebensmittelindustrie und Lobby-gesteuerte Public Health Politik, Schönheitsideale und Diätkultur, Stress, soziale Ungleichheit.
👉 Deshalb: Wenn, sollte die Entscheidung individuell und informiert fallen – eingebettet in ein Gesamtkonzept, das nicht das Gewicht, sondern die Gesundheit und Lebensqualität der betroffenen Person in den Mittelpunkt stellt.
Willst du Frieden mit dem Essen schließen?
Buche ein kostenloses Infogespräch <3
Quellen
Bersenkowitsch, I. (2025, April 5). Gewichtszentriert vs. Gewichtsneutral. Ernährungsrevolution. https://www.ernaehrungsrevolution.at/post/gewichtszentriert-vs-gewichtsneutral
Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG). (2024, Oktober). Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“. AWMF online.
Wilding, J. P. H., Batterham, R. L., Calanna, S., Davies, M., Van Gaal, L. F., Lingvay, I., McGowan, B. M., Rosenstock, J., Tran, M. T. D., Wadden, T. A., Wharton, S., Yokote, K., Zeuthen, N., & Kushner, R. F. (2021). Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. New England Journal of Medicine, 384(11), 989–1002. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2032183
Wilding, J. P. H., Batterham, R. L., Davies, M., Van Gaal, L. F., Kandler, K., Konakli, K., Lingvay, I., McGowan, B. M., Oral, T. K., Rosenstock, J., Wadden, T. A., Wharton, S., Yokote, K., Kushner, R. F., & STEP 1 Study Group. (2022). Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide: The STEP 1 trial extension. Diabetes, Obesity and Metabolism, 24(8), 1553–1564. https://doi.org/10.1111/dom.14725
Zheng, Z., Zong, Y., Ma, Y., Tian, Y., Pang, Y., Zhang, C., & Gao, J. (2024). Glucagon-like peptide-1 receptor: Mechanisms and advances in therapy. Signal Transduction and Targeted Therapy, 9(1), 234. https://doi.org/10.1038/s41392-024-01931-z




Ein wichtiger und differenzierter Blick auf Essverhalten, ADHS und die zwei wichtigsten Medikamente. Ohne eine Seite zu verteufeln und mit Quellen. Das ist erfrischend und hilfreich. Danke!